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Dienstag, 29. März 2011

Ein Fazit: zwei Kilo

Angekommen, abgepackt und abgestaubt.

Nach etwas mehr als 470 Kilometern und knapp 20.000 verbrauchten Kalorien in viereinhalb Tagen zeigt die Waage morgens zwei Kilo mehr als am Tag vor der Abfahrt. Viel Fett dürften wir unterwegs nicht angesetzt haben, gehen wir also einfach mal davon aus, dass wir an Muskelkraft gewonnen haben. Das war zu erwarten, wird aber trotzdem mit Freude registriert.

Die Fahrräder haben erfüllt, was wir uns von ihnen versprochen hatten. Auf den Serpentinen hinauf nach Horben genauso wie auf den unterschiedlichen Pisten entlang des Rheins. Die Schaltungen funktionieren inzwischen einwandfrei, leider sind die Brems-/Schalthebel von Shimano so hässlich wie die Nacht finster, aber Campagnolo bietet in Sachen Reiserad nichts Vergleichbares. Ähnliches gilt bezüglich des Ständers. Er ist belastbar, stabil und sicher, aber man schämt sich fast dafür, dass er das Fahrrad so verunstaltet. Da wir von der Funktionalität überzeugt sind und keine Schönheitspreise gewinnen möchten, werden wir ihn nicht austauschen.

Was uns besonders gefällt: Wir sind relativ frisch nach Hause gekommen. Klar, zunächst war alles fremd und der Körper musste sich an die Belastung gewöhnen, aber mit jedem Kilometer haben wir uns mehr mit unserem „Grünen Strahl“ angefreundet. Kompliment, Herr Bendixen.

Das war's so weit. Wir verabschieden uns von allen Mitreisenden und bedanken uns für die Aufmerksamkeit. Wie es weiter geht, werden wir sehen. Wer auch künftig auf der Höhe der Zeit sein möchte, meldet sich einfach als regelmäßiger Leser an, dann kommen die neuesten Informationen automatisch per E-Mail in den Postkasten. Regelmäßige Leser können unsere Abenteuer übrigens auch direkt kommentieren (was uns nicht nur freuen, sondern z.B. auch den steten Wechsel zwischen E-Mail und Blog ersparen würde).

À la prochaine!

Ende des ersten Ausflugs

Der Weg entlang des Mains ist etwa 40 Kilometer lang und überwiegend so, wie man Radwege nicht braucht: Kies, Schotter, Betonplatten, Sand. Wir kommen trotzdem gut durch und sehen rund drei Fahrstunden nach dem Start in Nierstein den sechsten Dom:

Frankfurt ab dem Westhafen: viel Skyline, wenig Dom.

Männer schneiden, Frauen biegen

Zum Frühstück am Montag gibt's neben vielen leckeren Sachen noch ein längeres Gespräch mit der Seniorchefin, Juliane Schmitt. Wir hören von Schleifreben, die kein ordentlicher Winzer setzen würde, vom Frost, der nur den Weinbergen zusetzt, von denen aus man den Rhein nicht sehen kann, und von der naturgegebenen Arbeitsteilung in den Weingärten (s.o.).

Auch auf der Heimfahrt den Wein immer im Blick.

So kommen wir später als erwartet auf Touren, aber die 17 Kilometer bis zum nächsten Dom sind schnell abgespult. Vorher noch ein paar Flaschen Wasser in Laubenheim, dann weiter bis zur Brücke zwischen den Landeshauptstädten.

St. Martin wie ihn Konrad Adenauer sieht.
Da lacht des Mainzers Herz.
Ab Kostheim fließt der Main in die Nordsee.

Montag, 28. März 2011

Die Niegelungen

Der Weg durch Worms fängt gut an, geht aber nicht gut aus. Hier in die falsche Straße, dort der unrichtige Abzweig, am Ende landen wir in einem Gewerbegebiet im Norden der Stadt, von dem aus wir aber zumindest in die richtige Richtung kommen. Der Weg führt am Rhein entlang nach Rheindürkheim, von dort schlagen wir uns nach Westen durch und treffen in Osthofen wieder auf den offiziellen Rheinradweg. Trotz des schnellen Starts sind wir nun spät dran, bis nach Mainz werden wir nicht mehr kommen.

Nicht der Dom von Worms, aber Beweis dafür, dass Religion und Wein zusammen gehören.

Mit Alsheim beginnt das rheinhessische Weinbaugebiet, auf den nächsten Kilometern fahren wir entlang der Weinberge von Guntersblum und Oppenheim bis nach Nierstein. Dort sind wir bei 87 Kilometern angekommen, und ein einheimisches Ehepaar empfiehlt uns, die Nacht bei Schmitts zu verbringen. Die sind schwer zu finden, weil sie sich nicht als Schmitt, sondern als Julianenhof präsentieren.

Schmitts sind freundlich, haben Platz für uns und einen Fernseher im Zimmer. Wir kommen gerade rechtzeitig zu den 18-Uhr-Hochrechnungen, irgendwann füllt Julia Klöckner den Bildschirm und sagt: „Die CDU hat in Rheinland-Pfalz deutlich zugelegt.“ Ich kenne die Dame ja nur von den vielen Wahlplakaten, die unseren Weg durchs Bundesland säumten, sehe aber auf den ersten Blick, dass vor allem Julia Klöckler in letzter Zeit deutlich zugelegt hat.

Dem Duschen folgt die Suche nach Abendessen. Nach der zweiten Überquerung des Marktplatzes sind wir keinen Schritt weiter, überall steht die gleiche „lokale Küche mit mediterranen Einflüssen“ auf der Karte, mal stammen die vom Griechen, mal vom Italiener. Eine junge Frau sieht unser Elend und schickt uns zum Gutsausschank die Gasse hoch. Dort gibt es leckere Sülze, ein tolles Rumpsteak und richtig guten Spundeskäs mit Brezeln zum Auslöffeln. Dazu deutlich zu viel Wein, so dass der Heimweg zum kleinen Abenteuer wird.

Von den Einheimischen am Nachbartisch nehmen wir noch was fürs Leben mit: „Es werd net billischer, es werd alles immer deurer.“

Familienausflug 2011

Der Weg in Richtung Worms führt wieder über den Hauptdeich, d.h.: gute Piste, hohes Tempo. Sonntags ist man auf solchen Wegen natürlich nicht allein, sondern im Wettbewerb mit Skatern, Snakern, Joggern, Walkern, Goern, Kinderwagen, Hunden.

Wir haben außerdem eine vierköpfige Familie vor uns, die mit Rädern unterwegs ist: Mutti und Vati zügig vorneweg, die Tochter dahinter und Oma als Nachhut. Mit dieser Truppe spielen wir Fangen. Zuerst überholen wir sie, machen ordentlich Boden gut, dann legen wir wichtige Rast ein (Nase putzen, Jacke wechseln, Pinkelpause). Direkt vor unserer Weiterfahrt kommen die Vier wieder heran, wir überholen sie wieder usw. Besonders die Oma fährt imponierend: Sie hält mühelos mit den vorne fahrenden Nachkommen mit und hat sichtbar Spaß an dem Ausflug.

Zum letzten Mal überholen wir die Familie ein paar Kilometer vor Worms. Vor einer Brücke führt der Radweg ziemlich steil nach oben und während wir überholen, fängt Oma plötzlich an zu rattern. Sie hat den Motor ihres E-Bikes zugeschaltet und brettert ohne Anstrengung mit uns den Anstieg hoch. Da macht man sich so seine Gedanken, ob man sich wirklich für die richtige Form der Fortbewegung entschieden hat ...

Spätes Mittagessen, schöne Aussicht, Müll mitgenommen.

Beim Mittagessen auf dem Hauptdeich arbeiten Kaiserbrötchen und Camembert tatsächlich harmonisch zusammen, hinterher gibt's noch einen Joghurt, und unten ziehen dauerhaft die oben erwähnten Ausflügler vorbei.

Mit dem Rennrad nach Ludwigshafen

Von Speyer geht es weiter in Richtung Norden, schon kurz hinter der Stadt hilft uns ein Rennradler bei der Suche nach dem rechten Weg. Und weil er a)  selbst aus Ludwigshafen kommt, deshalb b)  auch wieder dorthin zurück möchte und wir c)  einen flotten Eindruck machen, bleibt er bis kurz vor Rheingönheim an unserer Seite. So kommen wir sehr zügig voran und erfahren viel über Landschaften, Ortschaften und Machenschaften in der Umgebung.

Ludwigshafen umrunden wir auf neuer Route – durch den Maudacher Bruch im Westen der Stadt. Den Blick auf den bedeutendsten Arbeitgeber der Region erspart uns die neue Streckenführung des Radweges dennoch nicht; an der BASF muss in Ludwigshafen jeder vorbei.

Weit weg, aber unübersehbar.

Man sieht, dass auch am Sonntag ordentlich gearbeitet wird, also legen auch wir uns weiter tüchtig ins Zeug, Kurz vor Friesenheim dann ein Zwischenstopp bei McDonald's, der kostenloses W-LAN und günstige Toilettenbenutzung bietet. Der Cappuccino für 1,20 ist groß und lecker, die Toiletten sind top, das W-LAN tatsächlich kostenlos. Leider aber gerade außer Betrieb.

Original französisch

Sonntags ist die Versorgungslage in Deutschland eher kritisch, deshalb steht vor der Weiterfahrt noch ein Besuch beim Bäcker an. Da wir am Samstag bereits einen Camembert in Frankreich gekauft haben, wäre jetzt ein Baguette super. Bei Kamps, dem einzigen Bäcker, der sonntags in Speyer aufmacht, liegen noch vier Stangen mit der Bezeichnung „original französisch“ im Regal. Ich frage, ob sie tatsächlich aus Frankreich kommen, die Verkäuferin antwortet: „Nein, vom Kamps.“

Wir fragen uns, warum in Deutschland gebackene Stangenweißbrote unter der Bezeichnung „original französisches Baguette“ verkauft werden dürfen, und entscheiden uns für vier Kaiserbrötchen, die sicher nicht von Herrn Beckenbauer kommen, sich zur Mittagszeit aber hoffentlich gut mit dem Käse kombinieren lassen.

In den Dom kommen wir leider nicht mehr. Denn die Fastenpredigt ist in vollem Gange, und wir können mit der Abfahrt nicht bis 10.45 Uhr warten. Aber ein Foto machen, das ist noch drin:

Vorne zu, drinnen voll, draußen kühl.

„Sebastian, das magst du nicht!“

Das Frühstück am Sonntag ist in Ordnung: großes Buffet mit breiter Auswahl. Besondere Attraktion sind die beiden Jungs von ca. 18 Monaten und drei Jahren, die mit ihrer Oma Fangen spielen. Sie kommen etwa vier Mal gemeinsam bei uns am Tisch vorbei, steigen mehr und minder elegant die kleine Treppe zur Halle hinauf und lassen sich dort von besagter Oma wieder einfangen. Dass die Buben im Vorteil sind, zeigt sich daran, dass sie jedes Mal ein größeres Stück Vorsprung auf Oma gewinnen.

Diese rächt sich kurz darauf am Buffet, wo sie dem Kleinen, der gerne alles probieren würde, die besten Stücke verweigert: „Sebastian, das ist Käse, das magst du nicht.“ Armes Kind.

Arm sind auch unsere Reisebegleiter dran, die eingesperrt in der Tiefgarage auf uns warten mussten. Als wir kommen, um sie abzuholen, höre ich ein leises Wiehern. Oder habe ich mich geirrt?

Nichts ausgefressen, trotzdem eine Nacht hinter Gittern.

Sonntag, 27. März 2011

Es geht voran!

Heute süßes Frühstück: Pain au Chocolat, Croissants, Googlehupf und nix wie Marmelade. Dazu den Tele Matin auf France 2, zu dem eine Moderatoren- und Gäste-Truppe gecastet war, die jedem Familienfilm zur Ehre gereicht hätte: der strenge, aber verständnisvolle Papa, der ungestüm lausbübische Junior (war auch schon 35), die schicke, dunkelhaarige Mama (nicht nennenswert älter) und die etwas aufmüpfige, blonde Tochter/Schwiegertochter. Das Team moderierte sich vom Bandscheibenvorfall über Honoré de Balzac zu einer neuen Filmkomödie namens „Philibert“.

Nach dem Auschecken kurz rüber zu Super U, wo wir noch ein bisschen Wasser besorgten, und dann fuhren wir erstmal die vier Kilometer zurück zum Radweg. Die perfekte Piste führte uns durchs Delta der Sauer (Gruß an Dieter), das Besondere dabei: Heute ist der dritte Tag, und nichts tut weh. Die Beine nicht, die Schultern nicht, der Hintern nicht (trotz neuen Ledersattels). Keine schmerzenden Handgelenke, keine tauben Hände – Herr Bendixen, Sie müssen einiges ziemlich richtig gemacht haben.

Vor zehn Jahren sah der Kahn noch viel besser aus.

Nach dem Delta erreichen wir Munchhausen, bald darauf das Lauterbourger Chemiewerk. Es folgt der stille Auerwald, dessen Ende die Grenze zu Deutschland markiert.

Auenland, 100 Prozent Hobbit-frei.

Eigentlich sollten wir jetzt mit dem Schreiben aufhören, denn Essen und Trinken in Frankreich sind erstmal vorbei.

Trotzdem: Wir machen weiter.

Direkt hinter der Grenze warten in Neuenburg die Plakate zur Wahl. Kurt Beck lädt für den Vorabend zum Dämmerschoppen; er sieht aus, als wolle er die Unentschlossenen kurzerhand zur Urne trinken. Die Republikaner gehen noch einige Schritte weiter. Erstens versprechen sie „Zukunft durch Heimat“ (was immer das bedeuten mag), zweitens empfiehlt ein blondes Gretchen „blau“ zu wählen. Eine Super-Idee, da kann man zumindest am Tag nach der Wahl sagen, man hätte nicht gewusst, was man tat.

Wir wissen ganz genau, was wir tun, denn der Hunger treibt uns nach Maximiliansau. Die örtlichen Kleingärtner machen unsere Hoffnungen auf vernünftige deutsche Ernährung aber schnell zunichte. „Metschger hommi do nimmi", meint der freundliche Kollege mit dem Capote-Hütchen. Er schickt uns zum großen Gewerbegebiet am Rande des Radwegs und betont mehrfach, dass man dort nicht nur irgend etwas beim Metzger bekommen könne, sondern auch Mittagessen.

Das Gewerbegebiet liegt strategisch einwandfrei zwischen Eisenbahnbrücke, Schnellstraße und Wasserweg. Vom Baumarkt bis zum Floristen sind alle Gattungen von Einkaufsparadiesen vertreten. Was besonders auffällt: So wie in Lauterbourg, Seltz und Schweighouse die Fahrzeuge mit den Nummernschildern aus GER, KA und LD dominieren, so stehen hier die Franzosen, denen der Sinn nach deutschen Genüssen steht.

Wir gehen mit zwei Schnitzelbrötchen, einem LKW und zwei Teilchen für den Nachmittag vom Platz, fahren ein paar Meter nach Wörth und finden dort ein schönes Rastplätzchen im örtlichen Naherholungsgebiet.

Von Dom zu Dom zu Dom

Nahe Jockgrim beginnt unsere Fahrt durch die Altrhein-Auen. Da geht es vorbei an unberührtem Wald, hölzernen Stegen und Häusern im Fluss, Storchennestern zur Linken und Booten, Booten, Booten zur Rechten. Der Weg ist breit, weitgehend leer und überwiegend schnurgerade. Wir gewinnen gut an Fahrt und kommen auf den Rheinhauptdeich. Unterwegs grüßen entgegen kommende Rennradler (die Tourenfahrer normalerweise nie grüßen), und auf den zehn Kilometern zwischen Leimersheim und Germersheim passiert dann das Unfassbare – wir überholen mit Gepäck einen Rennradler, der zwar nicht extrem fährt, aber doch fassungslos schaut als wir vorüberziehen.

Was für ihn spricht: Er zieht eine dicke, alte Frau hinter sich her. Bei uns ist es umgekehrt, da treibt ein drahtiges, weibliches Energiepaket einen dicken, alten Mann vor sich her.

Ausgeflogen.

Beim Halt an der Rheinpromenade vor Germersheim platzt es dann aus Mo heraus: „Mir geht's heut' richtig gut.“ Wir haben schon einige Radtouren gemacht, das hat sie noch nie gesagt. Schon gar nicht bei Kilometer 275.

Auf neuen Wegen dem Dom entgegen.
Deutschland im Frühling 2011: überall still gelegene AKW.

Der Weg führt uns über viele Baumaßnahmen und Umleitungen weiter nach Speyer. Dort haben wir nach dem Freiburger und dem Strasbourger Münster den dritten Dom erreicht. Worms, Mainz und Frankfurt liegen jetzt noch vor uns.

Das Hotel Domhof nennen wir nicht beim Namen, nur so viel: Es liegt sehr nahe des Domes, kostet deutlich mehr als die – zugegeben: schlechteren – Hotels in Frankreich und verlangt für den Internet-Zugang per W-LAN, den es dort idR kostenlos gibt, satte fünf Euro. Deshalb heute keine Bilder, denn ich kann keine Inhalte hochladen, sondern muss den ganzen Sermon ins Internet-Terminal in der Halle tippen.

Ums Hotel ist's schöner als im Hotel.

Nachtrag 1:  Das Internet-Terminal in der Halle ist eine Frechheit. Da kann ich nicht tippen.
Nachtrag 2:  Die anderen Gäste in der Domhof Braustube essen und trinken genauso engagiert wie wir. Ob die in den letzten Tagen auch 300 Kilometer geradelt sind?

Samstag, 26. März 2011

Das Leben ist schön

Harte Nacht, weil Grand lit und Madame keine separate Decke zur Verfügung hat, die sie sich über die Ohren hätte ziehen können. Trotzdem aufgestanden. Frühstück très francais (starke Baguettes und Croissants, schwacher Kaffee), mit deutscher Erkenntnis in Blickweite:

Lässt sich auf die meisten denkbaren Lebensbereiche anwenden.

Um halb zehn wieder auf der Piste, zuerst einmal zu Super U: zwei Vittel, ein Apfelsaft, zwei Bananen, alles gut verstaut und ab geht's an den Kanal.

Sieht langweilig aus, geht bei hoher Geschwindigkeit aber schnell vorbei.

Erstes Etappenziel ist heute Strasbourg, die knapp 30 Kilometer vergehen wie im Fluge, denn: gerade Strecke, Schaltung funktioniert wie gewünscht und wir sind ausgeschlafen.

In Strasbourg wollen wir den Grünen Strahl sehen, der zur Mittagszeit den Heiland erleuchtet und dann kurz durch einen Teil der Kirche wandert. Wir sind um elf an der Place de l'Etoile, von dort sind es nur ein paar Straßen bis zur Cathedrale. Als wir ankommen, ist die Tür zur Kirche geschlossen. Die Wieder-Öffnung wird für 12.45 Uhr versprochen. Wir fragen in der nahen Touristeninformation, ob der Strahl heute etwas später kommt. Der Kollege am Counter verneint und verweist auf den Seiteneingang zur astronmischen Uhr. Dort könne man gegen zwei Euro Eintritt ins Münster kommen und den Strahl sehen.

Wir sind glücklicherweise mit dem Fahrrad da und kommen entsprechend schnell zum besagten Eingang, wo die Menschen bereits in Schlange anstehen. An der Kasse ist nur noch der Ticketverkäufer, der den Strahl auf Nachfrage sofort erlöschen lässt: „Dr is heit scho vorbei.“ Seine Kollegen am Eingang bestätigen das freundlich und verweisen auf die nächste Gelegenheit: eine Woche ab dem 20. September (wenn die Sonne mitspielt).

Da setzen wir uns erstmal auf eine nahe Bank, genießen die gelben Strahlen und überlegen wie wir den Tag fortsetzen: Plat du jour oder weiterfahren. Die Entscheidung fällt für Christian.

Strasbourgs helle Seite.
Strasbourgs dunkle Seite.

Danach fahren wir zurück zur Place de l'Etoile und suchen den Radweg in Richtung Robertsau. Das gestaltet sich schwieriger als erwartet und liegt darin begründet, dass wir mit einer mehr als 12 Jahre alten Karte unterwegs sind. Ein radelnder Kollege nimmt uns nach Kontaktaufnahme ein Stück mit, wenig später sind wir zurück auf dem richtigen Weg. In Robertsau gönnen wir uns bei Simply einige Blätterteig-Teilchen mit Käsefüllung und eine Quiche lorraine. Leider entspricht der Käse dem Namen des Marktes.

Durch den Bois de la Robertsau geht es wunderschön in Richtung La Wantzenau, unterwegs säumen grüne Teppiche unseren Weg. Und es riecht sprübar vor-österlich.

Im Wald bei Strasbourg ist der Bär los.

In La Wantzenau wechseln wir auf die D 468, die uns durch Gambsheim und Herrlisheim nach Drusenheim führt. Die Räder laufen inzwischen wirklich super. So wie sie sich auf den Serpentinen hinauf nach Horben als Kletterer bewährt haben, zeigen sie sich jetzt auf der Landstraße als leicht laufende Renner.

Nach 70 Kilometern stehen wir um 15.37 Uhr bei Müllers vor der Tür. Irgendwie ist es noch zu früh, um Station zu machen. Irgendwie sind wir auch noch nicht genug gefahren. Als dann ein gerade mit dem Auto vorgefahrenes Paar mit ernster Miene wieder abfährt (complet?), gehen wir gar nicht mehr rein, sondern fahren die Straße weiter zum Kreisverkehr und von dort hinunter an den Rheinweg, dem wir die nächsten zwei Stunden folgen werden.





Der Wind kommt schön von hinten, die Piste ist breit wie eine Autobahn, die Räder fahren quasi von selbst. Mit steigender Kilometerzahl lässt zumindest der letztgenannte Eindruck deutlich nach, und wir suchen in (fast) jedem Ort nach Herberge und Kantine. Die Suche bleibt ohne lange Ergebnis, am bedauerlichsten scheint dies in Neuhaeusel, wo wir im ersten und einzigen Haus am Platz folgenden Hinweis erhalten:

Wer zu früh kommt, den bestraft der Wirt.

Am Ende schaffen wir es bis nach Seltz. Die Logis-de-France-Bleibe am Ort hat freitags geschlossen (das Bild brauchen wir hier nicht auch noch), also fahren wir auf der Straße nach Strasbourg zur Stadt hinaus zum Hotel des Bois. 100 Kilometer in den Beinen, Zimmer frei, Restaurant gegenüber, sicherer Ort für die Fahrräder.

Das Zimmer ist ok, das Essen schmeckt dem Hungrigen. Morgen geht's weiter in Richtung Mayence. Wenn's gut läuft, schlafen wir in Speyer.

Freitag, 25. März 2011

Langsam reicht's

Ab Kilometer 60 leidet Mo still vor sich hin, ab Kilometer 65 lässt sie mich teilhaben. Wir stellen fest, dass auch sehr gut angepasste und ausgestattete Fahrräder mit Körperkraft angetrieben werden müssen. Und auch das beste System fordert irgendwann Tribut; zumal am ersten Tag, der ja in der Hauptsache nicht mit Treten, sondern mit Schrauben bestritten wurde.

Vorräte für Frankreichs Kolbenfresser.

Wir beschließen, die erste sich bietende Möglichkeit fürs Nachtquartier zu nutzen und radeln – mehr oder minder – frohgemut weiter. Das Problem: Auf den 20 Kilometern von Marckolsheim nach Witternheim gibt es noch nicht einmal eine Bar für den Nachmittags-Kaffee, und an ein Hotel ist schon gar nicht zu denken. So erreichen wir den Kanalweg bei Neunkirch, den wir zwei Kilometer später bei Boofzheim verlassen.






Ein junges Paar empfiehlt uns die Fahrt nach Rhinau, wo uns im Hotel "Bords du Rhin" preisgünstige Unterkunft und gutes Essen erwarten sollen. Wir lassen uns schön schicken und erreichen um kurz nach sechs beim Kilometer-Stand von etwas über 93 das Hotel, das für seinem Namen recht weit vom Fluss entfernt liegt.

Trotz der schwierigen Umstände haben wir am Ende einen Schnitt von knapp 20 km/h erreicht (das lässt hoffen), das Zimmer ist klein, aber deutlich größer als wir für 36 Euro erwartet hätten. Nach dem Duschen geht's ins Restaurant, wo die Akkus mit einem kompletten Zander als Vorspeise für zwei Personen, zwei üppigen Steaks von der Rinderlende und Dessert nach Wunsch aufgeladen werden. Dazu lokale Weine aus dem Krug, so stellt sich langsam die nötige Vorfreude auf den nächsten Tag ein.

Leider gibt's am Rheinufer kein W-LAN, so dass der interessierte Leser bis heute warten musste. Jetzt gehen wir schon wieder essen, vielleicht liefern wir die 100 Kilometer von heute später nach.

Auf Sand gebaut

In Marckolsheim gibt's leckere cremegefüllte Krapfen, aber was sind schon 500 Kalorien, wenn man bereits ein paar Tausend verbraten hat? Der Anruf im Hotel in Sand ist ebenfalls ernüchternd: congée d'hiver jusqu'à 28. Mars. Das heißt: keine Carpes et Frites, kein Wein von Sophie Kumpf und keine Idee, wo wir die Nacht verbringen.

Immerhin bestätigt die nächste Ortsdurchfahrt die von uns gewählte Rahmenfarbe. Wenn Fahrräder zu den französischen Radwegen innerorts passen, dann unsere:

Füreinander geschaffen: Frankreichs Radwege und unsere Räder.

Ein feste Burg

Neuf-Brisach ist Breisachs kleine Schwester, erbaut von Vauban diente sie allein militärischen Zwecken. Davon zeugen heute noch die alten Wehrbefestigungen, der Exerzierplatz im Zentrum und das absolut symmetrische Stadtbild.

Von der alten Streitlust ist aber nicht mehr viel übrig. Sogar die Kasernen im nahen Vogelsheim sind zu Eigentumswohnungen mutiert, und nur die "Mousquetaires" des Intermarché gegenüber erinnern entfernt ans französische Soldatentum. Wir kaufen ihnen einige Blätterteig-Backwerke mit Ziegenkäse und Pastete ab und machen uns auf den Weg nach Marckolsheim.

Technik, die entgeistert

Leider sucht das Fahrrad-Naviki Wege aus, die für Reiseräder eher ungeeignet sind. Deshalb schieben wir z.B. ein paar Hundert Meter am Friedhof vorbei den Waldweg hinauf (mindestens 15 Prozent Steigung), dann hinaus in die Ebene nach Freiburg-St. Georgen.

Auch hier ist das Gerät gegen uns, führt uns durch Weinberge, statt zum Radweg entlang der Gleise. Aber wir schaffen es trotzdem: Nach knapp zwei Stunden haben wir die 14 Kilometer von Horben zum Beginn des  Radwegs nach Breisach bewältigt.

Damit haben wir uns das Käsebrot verdient, das von gestern übrig geblieben ist. Dermaßen frisch gestärkt donnern wir die 20 Kilometer nach Breisach auf dem sauber geteerten Radweg durch. Unterwegs haben wir gelernt: Technisch war's das noch nicht, wir justieren weiter. Bald darauf dann meinen Sattel einen Zentimeter runter, Mos Sattel einen Zentimeter nach vorn; usw, usf.

Inzwischen ist es halb zwei, und wir steuern über den Rhein ins benachbarte Ausland.


Oh, là là: Der Franzose erwartet ziemlich viel von uns.

Wer lange schraubt, dreht endlich durch

In Au fangen wir mit dem Schrauben an. Vorher war jedem von uns beim Schalten aufs kleine Blatt mindestens drei Mal die Kette runter gefallen. Also stehen bleiben, justieren, zwei Runden am lokalen Glas-Container drehen. Auch maßgefertigte Räder müssen noch an Fahrer und Fahrerin angepasst werden.

Guter Morgen (einen Tag später)

Wir sind dann am 24. doch irgendwann kurz vor acht wach geworden. Hektisch duschen und anziehen, lecker Frühstück, Taschen packen, zahlen, aufsatteln und um kurz vor zehn geht's los. 300 Meter die Straße rauf, dann rechts ab Richtung Katzental (wir fahren ja nicht den Weg zurück, den wir schon kennen), tolle Sonne, tolle Ausblicke.

Nach wenig auf- und viel abwärts enden wir in Au. Nomen es omen – ab hier tut dann so einiges weh.

Auf Diesigs Höhen.

Donnerstag, 24. März 2011

Zehn Gänge sind schon weg

... und dabei haben wir noch gar nicht richtig angefangen (schließlich sind wir heute zunächst mal auf dem Rückweg nach F). Vielleicht sollten wir das Essen von gestern Abend also nicht abziehen, sondern auf einem Nebenkonto verbuchen – geht das, Ruth?

Zu Wachtelcrepinette mit Trüffel aus dem Périgord, Eismeerforelle mit Blutorange und Curryquinoa, Winterkabeljau mit Escabeche-Gemüse und Milchkalb mit Kalbbries und Dattel gab's einen leckeren Grauburgunder von Ziereisen, leider schon die vorletzte Flasche, beim nächsten Mal muss also ein anderer Winzer herhalten. Mit Blick auf die Kondition haben wir zum Dessert (Schokolde, Zabaione, und Kirsch-Eis) auf weiteren Wein verzichtet.

Jetzt gehen wir zum Frühstück, dann wird aufgesattelt und wir machen uns auf die Route gen Strasbourg. Heute Abend Sand, morgen Grüner Strahl.

Mittwoch, 23. März 2011

40 Minuten Schleppen in Gundelfingen

Der Weg vom Bahnhof zu Bendixen ist doch weiter als erwartet, die Gepäcktaschen sind genau so übergewichtig wie erwartet. Arme und Pausen werden von Straße zu Straße länger.

Kurz nach eins stehen wir dann voreinander: Die Rahmen sind heller als erwartet, aber die Farbe stimmt. Statt die feinen Ausfallenden, die perfekte Sitzposition und den insgesamt sehr schönen Aufbau zu rühmen, fangen wir gleich mit den Anschrauben der mitgebrachten Sättel, Flaschenhalter, Tacho usw. an. Kai Bendixen erträgt es mit Fassung und greift selbst nochmal zum Imbus.

Hier steht das Rad im Vordergrund.

Gegen drei geht's endlich los. Zunächt ein paar Kilometer durch Freiburg und Günterstal (zum Angewöhnen). Dass wir auf dem richtigen Weg sind, zeigt die einladende Beschilderung:

Schade, dass die Vögel ihre Nester so weit oben bauen.

Unser Bus steht bereit, wir fahren vorbei an der Talstation der Schauinsland-Bahn und weiter die Serpentinen hinauf nach Horben. Ankunft um halb fünf, jetzt ist es sieben und wir gehen lecker essen, damit morgen die Kraft für die Abfahrt reicht.

Von nun an geht's bergauf.

Gute Reise

9.45 Uhr Abfahrt in Frankfurt. Was der ICE in etwas mehr als zwei Stündchen schafft, dafür müssen wir uns die nächsten vier, fünf Tage abstrampeln. Keine Klage, alles selbstgewähltes Unglück.

Die Fahrt ist ein Genuss: weitläufige Gewerbegebiete zu beiden Seiten, während der Ortsdurchfahrten kurz von Lärmschutzwänden abgelöst, die den Blick auf die dahinter versteckten Häuser erschweren, wenn nicht ganz unmöglich machen (man glaubt gar nicht, wie viele Formen von Lärmschutzwänden dieses Land hervorgebracht hat). Irgendwann rechts am Horizont die still gelegenen Meiler von Biblis A und B, kurz darauf der Rauch über den Schornsteinen der BASF. Beides werden wir auf der Rückfahrt ganz nahe sehen.

Mo liest Juniors aktuelle Hausarbeit, die Mitreisenden bestellen Sekt und große Pils – halb elf in Deutschland, da wird's Zeit fürs zweite Frühstück.

Dienstag, 22. März 2011

Alles gepackt!

So, morgen geht's los. Während der Renovierung unseres Büros ereilte uns die Nachricht, dass die Räder pünktlich zum Frühlingsanfang fertig sein würden. Und weil in dieser Woche auch das Wetter mitspielt, fackeln wir nicht lange, sondern machen uns gleich auf den Weg nach Gundelfingen.

Die Packtaschen stehen bereit, wir sind gut vorbereitet und – teilweise – ziemlich aufgeregt. Der Zug fährt kurz vor zehn in Frankfurt ab, gegen eins werden wir zum ersten Mal die Räder sehen. Wir sind gespannt.

Und morgen früh heißt es: „Hoch die Taschen“.