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Freitag, 29. Juli 2011

29.07. 9ème ètape: Saligny-sur-Roudon–Saint-Pourçain-sur-Sioule (53,42 km, 2:41:38) (Marquage effacé)

Nabelschnur, Fohlen, Nabelschnur

Wenn die Arbeit nicht wäre, wären wir heute früh aufgebrochen. So packen wir zeitig, (Büro)arbeiten anschließend und erleben noch ein paar ganz besondere Details in Sachen Pferdezucht.

So fängt ein sonniger Tag an.

Irgendwann kommt Ineke in den Anbau und verkündet, dass eines der Fohlen erneut und an praktisch der gleichen Stelle am rechten Vorderbein verletzt ist. Sie macht sich mit einer der Praktikantinnen auf und holt das Fohlen samt passender Stute von der Weide zum Verarzten in das kleine Viereck beim Stall.

Die erste Untersuchung zeigt: Es sieht schlimmer aus als es ist.

Nach Untersuchung des ca. einjährigen Nachwuchses wird gleich dessen Mutter untersucht.  Sie allerdings eher innerlich, weil die Züchterinnen auf eine erneute Schwangerschaft hoffen, um die Stute – nun mit Einlage – besser verkaufen zu können. Das Ultraschallgerät zeigt einen vollen Erfolg: Die Stute trägt, und mit etwas Hilfe seitens der Fachfrau kann auch der Laie Nabelschnur, Fohlen, Nabelschnur erkennen.

Richtiger Nachwuchs, falsches Datum.
Letzter Blick aufs Schloss von Saligny-sur-Roudon.

Nun wird es aber wirklich Zeit! Um Ballast zu sparen, lassen wir auch hier einige der schweren Stücke zurück (so hat man evtl. einen Grund, zurück zu kommen), lehnen sogar die Einladung zum Mittagessen ab und brechen kurz nach zwölf auf. Dass zumindest der Verzicht aufs Essen ein Fehler war, merken wir relativ schnell, denn auf den folgenden Hügeln meldet der Körper massiv Hunger an. Wir fügen uns nach zwölf Kilometern und quälen uns die etwa 15-prozentige Steigung nach Saint-Leon hoch. Chez Mimi et Loulou gibt's Plat du jour mit Fernsehuntermalung und computerspielendem Nachwuchs.

Beim Entrée (Tomatensalat mit Bohnen und Eiern) fällt uns ein, dass wir die sechs hartgekochten Proviant-Eier in Saligny vergessen haben (sicher kann Christine sie wieder in einem ihrer wunderbaren Salate verwerten), das Poulet mit Frites ist sehr lecker, und zum Nachtisch verwöhnt uns Mimi mit halbflüssigem Fondant au chocolat bzw. bester Mövenpick Eis-Auswahl.

Die Nachrichten im Fernsehen berichten über irgendwelche Volltrottel, die die Foie Gras von der Anuga verbannen wollen, mit dem Gerät im Rücken erkenne ich kurz darauf die Carglass-Reklame am penetranten Tonfall der Testimonials, am Ende singt die gute Tante: „Carglass repare, Carglass remplace.“ Auf Deutsch singen sie zur selben Melodie: Carglass repariert, Carglass bauscht auf“, was ich nie verstanden habe.

Für den nächsten Spot drehe ich mich gerne um. Die französische Reklame hat den tätowierten Migranten als Zielgruppe entdeckt, und weil auch er gut riechen soll, muss ihm der üppig tätowierte Migrantendarsteller im Fernsehen ein 48-Stunden-Deo verkaufen. Vor dem Packshot kommt dann noch kurz seine ebenfalls tätowierte Migranteuse ins Bild und sagt, dass sie ihren Freund dafür liebe (oder so ähnlich). Jedenfalls hat sie sich „LOVE“ in die Handfläche sticken lassen.

Und der kleine Nick schickt wieder zwei Mirages.

Den Weg nach Châtelperron könnte man erhebende Abfahrt nennen. Er führt knapp fünf Kilometer lang spürbar, aber angenehm bergab, wir fahren konstant über 35 km/h und Mo jauchzt von hinten als säße sie auf einem Pferd. Auch hier hat der Autoverkehr wieder Opfer gefordert, ein ziemlich bedeutender Kollateral-Hase säumt unseren Weg.

Links und rechts der Straße bietet die Grande Nation Paysage ohne Ende und hinter jeder Ecke beginnt eine neue Weide mit Charollais-Rindern. Diese Tiere haben übrigens ein ganz besonderes Sozialverhalten: Auf einer Weide hat sich die gesamte Herde hingelegt und bringt dem Nachwuchs hingebungsvoll das Wiederkäuen bei.

Der Namenspatron ist weit entfernt.
Exakt so stellt man sich das vor en France, fehlt nur noch ein Schloss ums Eck.
Wie wär's mit diesem: prächtig, aber ziemlich unbewohnt in Jaligny-sur-Besbre.

Wir fahren weiter entlang der Straße der Mühlen, bis wir nach links auf die D21 abbiegen. Ausweislich eines Schildes am Eingang des Waldes führt die Straße mitten durch den „Fôret de la Maison de Retraite de la Guyotte“. Das dazu passende Altersheim sehen wir kurz vor Varennes-sur-Allier, es erinnert stark an ähnliche Einrichtungen in den Edgar-Wallace-Filmen mit Eddie Arendt, Karin Dor, Elisabeth Flickenschildt, Klaus Kinski, Joachim Fuchsberger und wie sie alle heißen bzw. hießen.

Als wir den Ort der Feier passierten, dachte ich an Kindergeburtstag mit überforderter Mutter.
Der unglückliche Gesichtsausdruck gehört aber offensichtlich der Braut.

Ein paar Meter hinter Varennes-sur-Allier hört der Spaß erstmal auf, wir biegen ab in Richtung Saint-Pourçain-sur-Sioule, unserem heutigen Tagesziel. Die Straße erinnert an den Autobahnzubringer vor Chalon-sur-Saône, nur ohne Regen. Leider fehlt zudem der breite Seitenstreifen, was die Lkw ein wenig näher an unsere Packtaschen heranrücken lässt. Das geht irgendwie gegen Mos Verständnis von Fahrrad-Reise, weshalb wir vor der Allier-Brücke nochmal zwecks Alternative auf die Karte schauen.

Wir finden eine kleine Nebenroute und als wir uns dieser nähern, sehen wir eine Gruppe von ca. zehn Freizeitradler im Rentenalter. Sie bieten uns an, uns in den Ort mitzunehmen, was eine sehr interessante Erfahrung wird. Zum einen sieht man, wie sich die Leute das Radfahren selbst schwer machen, zum anderen, dass sie wohl einen Gruppenrabatt bei Decathlon bekommen haben und nun alle Trikots, Rucksäcke usw. der D-Marken tragen. Die vermeintlich ortskundige Rentnerband führt uns ins lokale Industriegebiet und dort direktemang in eine Sackgasse, die am Tor von Louis Vuitton endet.

Wir drehen gemeinsam ab, ein anderes Gruppenmitglied übernimmt die Führung, und am Ende liefern sie uns vor dem lokalen Office du Tourisme ab. Wir bedanken uns, wünschen gute Fahrt, und ich gehe hinein. Die Dame dort ist freundlich, stattet uns mit einer detaillierten Karte der Auvergne aus, und das gesuchte Hotel ist schräg gegenüber.

Nach dem Duschen zwanzig Minuten Ruhepause, dann zum Apéritif auf die Promenade. Wir setzen uns direkt an die hoch frequentierte Durchgangsstraße, das ist kein Problem, denn wir wollen nicht schwätzen, sondern gucken. Außer Lastern und hoch drehenden Mopeds ist wenig zu hören, nur vom Nachbartisch kriegen wir viel mit. Da sitzt eine fünfköpfige Gruppe von Männern aus NL/BE/SE/DK oder so, die beständig Biere bringen lassen oder gleich selbst holen. Sie sprechen auch viel miteinander und stellen den Straßenverkehr damit locker in den Schatten. Schön, dass wir sie nicht verstehen.

Wir essen im Haus, die Küche ist sehr gut. Mo darf gleich zum Start eine Pastete vernaschen, ich nehme die Hecht-Timbale. Danach muss ein Barsch für sie sterben, während ich eine Wachtel niederringe. Der lokale Wein passt sehr gut dazu und verträgt sich auch prima mit den Auvergne-Käsen.

Was stört, ist der Service. Erst wird nicht nachgeschenkt, dann das Brot nicht gebracht, dann sehe ich, wie im Office Besteckteile runterfallen, aufgehoben, an der Hose abgewischt und an einen der Tische gebracht werden. Der Oberkellner kommt mit abgeräumten Tellern zurück und legt im Vorübergehen ein nicht gegessenes Petit pain mit der Hand zurück in den Brotkorb, unser Kellner macht die Krümel nicht weg, bevor er das Dessert bringt (und das Eis in Saint-Leon war auch deutlich besser) – es ist zum Davonlaufen!

Das machen wir sofort nach dem Kaffee. Dem Paar am Nachbartisch platzt ebenfalls in Kürze der Kragen, bevor wir alles abkriegen, gehen wir schlafen. Wir haben morgen einen anstrengenden Tag vor uns ...

Donnerstag, 28. Juli 2011

28.07. Jour de travail: Saligny-sur-Roudon (4,00 km, 0:13:42) (Alcool à brûler)

„Vous êtes hollandais?“

Neuer Tag, gleiches Bild: Alle arbeiten, und wir waschen – wie angekündigt – unsere Wäsche. Mo sammelt Brombeeren, ich fahre einkaufen, die Frau im Laden fragt, ob ich Holländer sei. Zur Strafe fahre ich später nochmal einkaufen. Unterwegs kommt mir ein kleines, gelbes Auto mit deutlich überproportioniertem Aufbau entgegen, der mich auf Französisch anschreit. Ich rechne mit Kommunisten, Sozialisten, Nationalisten, ist aber nur der Wanderzirkus, der am Wochenende sein Zelt füllen möchte.

Blick aus dem Haus in den Himmel.

Zum Mittagessen wird heute grilliert, Christine sagt, dass man das in der Schweiz sagt, wenn man „gegrillt“ sagen will. Zur Feier des Tages kommt es, weil der französische Praktikant heute Geburtstag hat, da bleibt sogar die französische Auszubildende mittags zum Essen da.

Wie sich das gehört, muss ich Feuer machen. Das mache ich mit Alkohol zum Brüllen. Komischer Name, brennt aber gut.

Es gibt verschiedene Würstchen, Hähnchenbrustfilets mit Kräutern, lekker Kartoffeln aus dem Garten, lekker Salate aus den Schüsseln. Und zum Dessert lekker Mirabellentarte mit viiiel Zucker und etwas Sahne. Am Tisch geht's munter mehrsprachig hin und her, einige verstehen alles, einige vieles, einige das Nötigste. Die Stimmung ist gut.


Hinterher planen Mo und ich die nächsten Tage. Die Stimmung ist höchstens durchwachsen, da es viel bergauf gehen wird und die aktuelle Uhrzeit eher zur Siesta ruft. Ergebnis der Sitzung: Wie geplant starten wir morgen in Richtung Clermont-Ferrand, Mont-Doré, La Tour-d'Auvergne und Bort-les-Orgues. Das wird eine schwere Strecke, und wir müssen erstmal sehen, in welcher Zeit wir sie schaffen und wie's danach weiter geht..

Zwischen dem 10. und 15. August werden aber wohl in Toulouse ankommen.

Hundegebell wechselt ab mit Wiehern, Vogelgezwitscher und munterer Mehrsprachigkeit. Am Abend sitzen wieder alle zusammen an der Tafel; wir gehen um halb elf schlafen, denn morgen früh müssen wir noch packen. Und vor Abreise gibt's noch ein bisschen Arbeit.

27.07. Jour de travail: Saligny-sur-Roudon (0 km, 24:00:00) (Absence des panneaux routiers)

Heute gibt's nicht viel zu erzählen. Nach dem Frühstück kommt das Päckchen aus Deutschland, das wir für heute erhofft haben. Darin sind noch mehr Sachen, die wir eigentlich nicht mehr transportieren können/wollen/sollten (Zutreffendes bitte ankreuzen, Mehrfachnennungen möglich).

Anschließend machen wir den Ruhetag zum Arbeitstag: Mo sitzt unten und arbeitet den ganzen Vormittag an einer Website, ich sitze oben in unserem Zimmer und kümmere mich ein bisschen um die Verwaltung. Wir sind ja ausgeruht.

Nach dem Mittagessen im großen Kreis (die beiden Züchterinnen, ein französischer und zwei niederländische PraktikantInnen plus wir) machen alle dort weiter, wo sie zuvor aufgehört hatten. Mo besucht später die Weiden und schafft es vor dem Abendessen sogar noch in den Sattel, ich gehe in den Stall und streichle einen jungen Hengst namens Vasco ins Koma.

Ruhiger Typ: Expresivo wird gern Explosivo genannt.
Neugieriger Nachwuchs: Barrios sollte eigentlich für den BVB Tore schießen.


Vor dem Abendessen schaltet der Herrgott nochmal die Kathedrale an.

Gegen halb neun treffen sich alle zum Abendessen, die beiden Praktikantinnen, die im Haus wohnen, gehen danach auf ihr Zimmer zum Chatten. Wir sitzen noch eine Stunde zu viert zusammen, dann fallen allen die Augen zu.

Mittwoch, 27. Juli 2011

26.07. 8ème ètape: Montceau-les-Mines–Saligny-sur-Roudon (78,32 km, 3:56:21) (Access interdit sauf fauteuils roulants)


Das Frühstück im Hotel ist deutlich besser als zu erwarten war; beim Nachfüllen des Buffets gibt es noch Luft nach oben, dafür funktioniert plötzlich das WiFi. Um uns herum sitzen viele offensichtlich Einheimische, die man ihrem Alter entsprechend eher am Arbeitsplatz erwarten würde. Später in der Stadt sehen wir diesen Trend bestätigt, die Arbeitslosigkeit in Stadt und Umland muss hoch sein.

Nach dem Auschecken fahren wir den grünen Radweg-Schildern nach. Natürlich bergauf, natürlich falsch. Oben angekommen, finden wir einen Auto-Service, der mein Vorderrad mit kostenfreier Luft füllt, danach fragen wir einen, der wissen muss, wo's lang geht: den Postboten. Er schickt uns runter zu unserem Hotel und gibt klar die Richtung vor – tout canal, tout canal.

Einerseits: Wir haben Erhebendes hinter uns.
Andererseits: Wir haben Großes vor uns.

Den Canal du Centre begleiten wir auf einer schmalen Straße, der Verkehr läuft nördlich an uns vorbei auf der N70, der Route Centre Europe Atlantique. Es geht leicht rauf und runter, durch kleine Orte, immer wieder sehen wir riesige Binnenschiffe (zumindest im Vergleich zu den vielen Penichettes), und wir fragen uns, wie die wohl durch die Schleusen kommen. Sie kommen tatsächlich durch, wir haben zwei Mal zugeschaut, es hätte aber an allen vier Seiten kein Blatt Papier mehr dazwischen gepasst.

Statt der üblicherweise am Fahrbahnrand verwesenden Tierkadaver (Igel, Katze, Vogel) hat der nächtliche Straßenverkehr hier einen anderen Kollateralschaden hinterlassen: eine ziemlich ausgewachsene Biberratte; auf ein Foto haben wir aus Gründen der Pietät verzichtet.

Mit den Minen starben auch die Zulieferer.

Am Ortsausgang von Palinges passieren wir die ehemalige Ligne de démarcation, kurz darauf erhalten wir von ganz oben in Form einer tiefschwarzen Wolke die Nachricht, dass wir besser etwas essen gehen sollten. Das machen wir in der Auberge de Digoine, unweit des gleichnamigen Schlosses. Das Gute fängt schon damit an, dass die Chefin bereitwillig ein paar Tische unter der Veranda zusammen schiebt, damit unsere Räder Platz finden, drinnen dann viel mehr Raum als erwartet und vier Frauen, die ihren Job mit Freude und Klasse machen.

Busse willkommen, Qualität nicht verabschiedet.

Wir votieren für Plat du jour zum Preis von 12 Euro: Entrées vom weitläufigen (und leckeren) Buffet, Poulet mit Erbsen-Möhren-Gemüse, Käse, Dessert-Buffet, Wasser, Wein, Café, es nimmt kein Ende. Unsere Kellnerin bringt ungefragt die zweite Carafe d'eau, bietet uns frische Teller für einen Nachschlag beim Dessert an – ein Leben wie Tourist in Frankreich.

Dabei haben die Damen auch ohne uns genug zu tun. Etwa 70 Prozent der Plätze im Restaurant sind besetzt, im Saal nebenan werden ca. 40 ältere Menschen bewirtet, die wohl vor oder nach der Schlossbesichtigung noch etwas für den Gaumen tun wollen, und allen schmeckt's offensichtlich sehr gut.

Wir können den Kanal einfach nicht voll kriegen.

Kurz vor Paray-le-Monial schreckt uns die gesperrte Straße, ein Rennradler macht uns Mut, weiter zu fahren, was wir den von ihm angedrohten Anstiegen links und rechts auch eindeutig vorziehen. Wie so oft im Leben, wird der Mut auch hier belohnt. Der Bautrupp macht noch Mittag als wir kommen, so dass der Weiterfahrt zwar eine massive Hebebühne im Weg steht, die wir aber elegant umkurven können.

Schon wieder nichts, was uns aufhalten könnte.

Bei der Ortsdurchfahrt sehen wir am Hafen riesige Zelte über eine noch riesigere Grünanlage verteilt, viele junge Menschen, fröhliche Gesichter – ich tippe auf Pfadfinder, Mo denkt an eine musikalische Darbietung. Wir fragen eine Frau, die ihr Mittagessen mit Kindern auf einer Bank am Rande des Geländes verzehrt, sie sagt uns, dass es sich um die jährliche Kongregation der Gemeinschaft Emmanuel handelt, und lädt uns ein, gleich da zu bleiben. Da wir für den Abend bereits verabredet sind, müssen wir ablehnen. Zur Strafe fragt sie mich, ob wir Deutsche seien.

Von Paray-le-Monial sind es nur noch ein paar Kilometer nach Digoin, wo ich am Hafen eine Frau frage, ob es vor Ort einen Fahrradladen gibt. Sie bezweifelt das zunächst, sagt dann aber, dass sie mal im Bureau fragen wolle. Im Abdrehen fragt sie mich, ob ich Deutsch spreche. Ich antworte: „Ja, auch!“

Sie kommt zurück, weist uns den Weg zu E. Leclerc Sports & Loisirs und erzählt, dass sie aus Brügge kommt und es „hier toll zum Leben ist“. Dem können wir mit unseren bisherigen Erfahrungen nur zustimmen. Bei Leclerc bekomme ich die passenden Schläuche (schwere Geburt) und habe Gelegenheit, der Kassiererin dabei zuzuschauen, wie sie mittels perfekt modellierter Fingernägel versucht, einen Taschenrechner dazu zu bringen, ihr den Preis eines T-Shirts abzüglich der endgültig letzten Preisreduktion zu verraten. Sie tippt drei, vier, fünf Mal ergebnislos, wirft das blöde Dinge frustriert auf den Tresen, probiert es erneut und nimmt dem jungen Käufer letztendlich 4,33 Euro ab. Sicher kein schlechtes Geschäft. Für ihn.

Ich zahle, trage die Schläuche hinaus und gehe mit meinem Helm gleich wieder hinein. Eine weitere Kollegin frage ich, ob es die Schweiß-Einlagen im Helm auch als Ersatzteile gibt. Sie sagt, dass sie nachschauen müsse, und kommt kurz darauf mit ihrer Beute zurück. Ich bin nicht sicher, ob die Teile passen, frage also erstmal, was sie kosten, und sie strahlt mich an: „Un sourire et un merci.“ Da ich beides mehrfach bei mir trage, sind wir uns schnell einig.

Wir fahren gleich wieder zurück an den Kanal, wo uns Sehenswertes erwartet:

Loire trifft Kanal.
Kanal trifft Loire.
Karte trifft Loire und Kanal.

Von Digoin nach Pierrefitte-sur-Loire ist es nicht mehr weit, uns reicht's aber langsam. Direkt am Kanal überqueren wir die kurze, steile Brücke, und dann geht es noch fünf Kilometer südwärts in Richtung Saligny-sur-Roudon. Die Straße führt hauptsächlich bergauf, meist mehr, selten weniger. Kurz bevor es hinab in den Ort geht, sieht Mo rechts die Reithalle und den Stall des Gestüts, das wir besuchen wollen. Wir biegen ab, noch dreihundert Meter, dann ist das Tagesziel erreicht.

Hier ist es schön, hier bleiben wir ein paar Tage.
Bitte beachten: Die Sättel sind nicht aus Pferdeleder.

Die Züchterinnen wissen, dass wir kommen, freuen sich trotzdem, und wir machen uns einen schönen Abend bei Salat, Käse und Wein. Mit am Tisch sitzen zwei Praktikantinnen aus den Niederlanden, die im Rahmen ihrer Pferde-orientierten Berufsausbildung ein mehrwöchiges Praktikum im Ausland absolvieren müssen und sichtlich zufrieden sind, dass sie einen Platz mit starken Bezügen ins Heimatland gefunden haben.

Wir machen voraussichtlich zwei Tage Station, waschen schmutzige Wäsche und bereiten uns auf das Neuland vor, das wir mit der Abfahrt beradeln werden.

25.07. 7ème ètape: Cuisery–Montceau-les-Mines (97,19 km, 5:21:04) (Attention croisement)

„Soyez prudent!“ – „Schon zu spät.“

Wir frühstücken um acht, Jean-Francis empfiehlt nachdrücklich seinen Kuchen – ohne Fett, nur mit Mehl, Eiern und Zucker produziert, und damit ideal für unsere Zwecke. Na gut, dann esse ich halt noch drei Stücke.

Nach dem Frühstück wird gepackt (wir reduzieren das Gewicht und lassen einige Stücke in der Obhut des Hauses), bezahlt (unangenehmster Aspekt des Aufenthalts) und herzlich verabschiedet. Madame schüttelt weiterhin den Kopf über unser Vorhaben und rät zumindest zur Vorsicht. Mo schaut auf ihren gut verheilten Ellbogen und murmelt: „Schon zu spät.“

Die Landstraße nach Chalon-sur-Saône fährt sich mit leichtem Rückenwind und nahezu frei von Lastern super (der kleine Nick schickt heute keine Flieger, sondern zwei seiner Laster als Convoi exeptionnel). Nach ca. acht Kilometern kommt uns mit großem Hallo eine 30- bis 40-köpfige Rennrad-Gruppe samt großen Gepäcktransporter entgegen, nach etwa zehn Kilometern sieht es auf den Feldern zu beiden Seiten aus, als hätten Riesenkinder mit Strohballen gespielt und vergessen aufzuräumen.

Und nach rund 18 Kilometern kommt der Regen. Um Strecke zu sparen, biegen wir schon vor Chalon-sur-Saône nach Westen ab und stellen dann fest, dass wir einen ziemlich gut frequentierten Autobahnzubringer erwischt haben. Die Straße ist absolut nicht breit genug für alle, deshalb weichen wir ins Schotterbett nach rechts aus, während die Zehndonner im Abstand von zehn Zentimetern an uns vorbei donnern. Von Schotter kann auch nur bedingt die Rede sein, da der Regen nicht schnell genug versickert und sich große, tiefe Pfützen bilden.

Irgendwann ist der Spuk vorüber, wir haben viel Strecke abgekürzt, leider hat mein Vorderrad den Schotter (oder was sich sonst noch am Wegesrand in den Pfützen versteckte) nicht vertragen; kurz bevor wir den bekannten Intermarché erreichen, ist der zweite Schlauch hin. Bei dieser Gelegenheit der Hinweis, dass Franzosen vor und nach Verlassen des Stadtgebiets gerne mal Ballast abwerfen; wir sehen nicht nur immer wieder Scherben, sondern zum Teil auch intakt gebliebene Glasflaschen sowie den auch aus Deutschland hinlänglich bekannten Müll.

Wer macht hier die Drecksarbeit?

Während Mo einkauft, wechsle ich den Schlauch. Das Modell, das wir brauchen, hat der Laden leider nicht, beim vorhandenen Schlauch ist das Ventil ziemlich kurz für die Hohlkammerfelge, und ich kann nicht richtig aufpumpen. An der Tankstelle gibt's keine Luft, also fahre ich nach dem Mittagessen im Fahrradunterstand mit zu wenig Luft weiter.

Was schlägt die Option „Wort vervollständigen“ beim Schreiben von Intermarché vor? Unterbäuche!!

Die bereits bekannte Voie verte führt uns über Givry, Buxy und Saint-Boil bis nach Saint-Gengoux-le-National; die Bahnhöfe entlang der ehemaligen Eisenbahntrasse sind durchweg liebevoll renoviert, alle paar hundert Meter warnen uns Schilder vor Übergängen, die zusätzlich mit einer Schikane und einem dreifarbigen Schachbrettmuster in den Farben des Radwegs gekennzeichnet sind: blau, grün und weiß. Unter einer Brücke wartet ein deutscher Endzwanziger auf besseres Wetter, mittels seiner Pumpe kann ich meinem Vorderrad etwas mehr Druck machen.

Keine Bahn, aber viel Verkehr.
Wehe, wenn er losgelassen.

Die heutige Streckenführung ist ja überwiegend dem Umstand geschuldet, dass wir die starken Steigungen von Cuisery hinauf nach Cluny vermeiden wollten (über Pont-de-Veaux. Fleurville usw.). Nun kommt aber doch ein bisschen Berg von Saint-Gengoux-le-National hinüber nach Montceau-les-Mines. Der Aufstieg ist moderat zu nennen, ich fahre vorne auf dem kleinen Blatt, hinten auf dem fünften Ritzel und bewege mich mit einem Tempo zwischen 12 und 13,5 km/h. Die Abfahrt ist sensationell – über mehrere Kilometer geht es bei guter Voraus- und Rundumsicht leicht bergab, so dass wir entspannt mit etwa 40 km/h zu Tal brausen.

Im ersten Teil der Fahrt denke ich manchmal an unser Cabrio in Freiburg, spätestens bei der Abfahrt kann der Mercedes emotional nicht mehr mithalten.

Wer hier ankommt, ist noch lange nicht angekommen.

Anders als gedacht, erreichen wir im Tal nicht Montceau-les-Mines, sondern Joncy. Und es gibt keine Hinweise auf unser angestrebtes Ziel. Die Dame am örtlichen Supermarkt lässt uns die Wahl: etwas kürzer, aber steiler oder etwas flacher, aber stark befahren. Nach den Erfahrungen vom Vormittag entscheiden wir uns für die Lkw-freie Variante, die sechs Kilometer fahre ich vorne auf dem kleinen Blatt, hinten fast durchweg auf dem ersten Ritzel, dabei bin ich froh, wenn ich ein Tempo zwischen acht und neun km/h schaffe.

Jede Pause ist recht für einen weiteren Blick zurück ins Tal.

Die wenigen Menschen am Straßenrand sind entweder besonders gut drauf oder sie haben noch die gestern zu Ende gegangene Tour de France im Blut: Sie feuern uns an (Allez! Allez!), spenden Trost oder klatschen tatsächlich! Über Mary arbeiten wir uns zum Gipfel des Mont-Saint-Vincent, von dort geht es mit fest angezogenen Bremsen und nahezu kopfüber auf die wenig befahrene D980, die uns rasant ans Ziel dieses Tages bringt.

Höhepunkt des Tages.

Montceau-les-Mines ist die wohl charmefreiste Stadt Frankreichs. Wir irren entlang des Kanals, durch die triste Fußgängerzone und wieder zurück. Das Office du Tourisme ist nicht zu finden, erst die dritte Passantin, die wir fragen, weiß, wo das gesuchte Hotel ist. Nach den bereits überwundenen Anstiegen geht es noch einmal ordentlich bergauf, als wir oben am Hotel ankommen, stellen wir fest, dass es montags Ruhetag hat.

Im Eurovelo-6-Radführer finden wir eine Alternative, natürlich am Kanal, also genau dort, wo wir herkamen. Das Nota Bene liegt direkt an einer der vielen Ponts levants der Stadt, die Fassade wird gerade frisch gedämmt, es sieht aus wie kurz vor dem Abriss. Drinnen ist alles hübsch gemacht, auch die junge Frau am Counter. Sie macht den Eindruck, als sei die Rezeption für sie nur eine Zwischenstation auf dem Weg zum Ruhm.

Da es bereits spät ist und wir nichts Besseres wissen, essen wir im Haus. Das wird zumindest très interessant. Es gibt Salate, Tavolas und Burger, wir entscheiden uns für zwei Salate vorneweg, zwei Tavolas und ein Fläschchen „Pinot Noir 2008 & 2005“. Was die Jahrgangsbezeichnung bedeuten könnte, weiß die Bestellungsaufnehmerin nicht, nach großer Wartezeit erneut auf den Wein angesprochen, erklärt sie, dass es ihn nicht mehr gibt. Wir ändern in einen Côte Chalonnaise von 2009.

Mit dem Wein können die Damen aus dem Tellergewerbe insgesamt wenig anfangen. Eine von ihnen quält sich drei Mal sichtlich mit dem Öffnen der Flaschen, in allen Fällen dreht sie danach den Korken vom Zieher, stellt den Leuten die Flasche auf den Tisch und dreht wortlos ab. Wir haben Glück, unsere Flaschenbringerin ist schon im dritten Lehrjahr und weiß, dass sie den Gast probieren lassen sollte.

Die Salate sind akzeptabel, das dazu gereichte Baguette ist ein unmögliches schlabber-weiches Teig-Ding. Aber wir haben Hunger. Für die Tavolas reicht der Hunger allerdings nicht. Keine/r schafft mehr als die Hälfte, die Teile sind und schmecken derart vorproduziert und im Backofen heiß gemacht – wir sind verwöhnt und immer noch (!) im Burgund.

Sonntag, 24. Juli 2011

22.07. 6ème ètape: Rully–Cuisery (58,94 km, 2:56:22) (Arrêt minute)

„Sind Sie deutsch?“

Alles trocken, bitte weiterfahren!

Das Aufstehen fällt schwer (wie immer), das Frühstück ist gut, der Supermarché schräg gegenüber hat alles, was wir brauchen.

Wir wollen über Givry nach Chalon-sur-Saône fahren, unterwegs fragen wir zwei Herren, die sich mit dem Bau einer niedrigen Grundstückseinfassung beschäftigen, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Die Frage führt zu kontroversen Einschätzungen, am Ende setzt sich der Dickere durch. Er hat gesehen, dass wir mit drei Kettenblättern vorne fahren, die Fahrt also sowieso „pas de problem“ sein wird. Und schön ist die Strecke nach seiner Meinung auch.

Sie führt vor allem wieder steil bergauf. Vorbei am Château de Rully und mindestens fünf Lagen des Hauses Faiveley, das in der Gegend nicht sonderlich beliebt zu sein scheint. Jede der in Messing gravierten Lagenbezeichnungen ist bereits Zielscheibe eindeutiger Missfallensbekundungen geworden, die Weine weisen neben den Volumenprozenten wahrscheinlich auch einen hohen Bleigehalt auf.
 
Château de Rully, 2011.
Weit verbreitet, weithin ungeliebt.
Woher wir kommen.

Wir kämpfen uns durch bis Mercurey, von dort entlang der Landstraße nach Mellecey, und dann wollen sie uns schon wieder bergauf schicken, aber langsam reicht's. Wir biegen vor Givry nach links ab, landen im zauberhaften Dracy-le-Fort und entdecken dort eine Voie verte, die uns Richtung Chalon-sur-Saône führt.

Nahe Chalon-sur-Saône, nahe Givry ist Frankreich nicht weit.
Auf der alten Bahntrasse nach Chalon-sur-Saône kommen wir zügig voran.

Bei der Einfahrt nach Saint-Rémy beginnt es zu tröpfeln, wir legen einen Zahn zu, um eine nicht weit entfernte Tankstelle als Schutz zu erreichen, doch daraus wird nichts. Die Tropfen werden zu ausgekippten Eimern, und wir erreichen mit Ach und Krach eine kleine Unterführung, in der wir die nächsten zwanzig Minuten darüber nachdenken, wie es wohl sein wird, wenn das Wasser von beiden Seiten kommt und der Pegel steigt.




Als der Regen endlich nachlässt, fahren wir rechts hoch und sehen, dass die Tankstelle zu einem großen Intermarché gehört – hätten wir ihn noch vor dem Guss erreicht, hätten wir die Wartezeit zum Mittagessen nutzen können. So kaufen wir erstmal nur ein, fahren dann weiter und sprechen im südlichen Saint-Rémy ein älteres Ehepaar an, um unseren weiteren Weg abzusichern. Sie überlegen kurz, sprechen sich ab, dann erklärt er in sehr angenehmem Französich, wie wir fahren sollen.

Am Ende fragt er, ob wir alles verstanden hätten, als wir bejahen, fragt er nahezu akzentfrei: „Sind Sie deutsch?“ Wir bejahen schon wieder, fragen, warum er so gut Deutsch spricht, und er fängt an zu sprudeln. Deutsch hätte er an der Uni gelernt, inzwischen aber fast schon wieder verlernt, weil ja die Praxis fehle usw. usf. – es ist beeindruckend, wie gut der Mann immer noch Deutsch spricht und wie sehr er sich freut, es mal wieder sprechen zu können. Seine Frau ist sichtlich stolz auf ihren Mann, am Ende wünscht sie „bonne route“ und er „gute Fahrt“. Endlich mal wieder fahren ohne Courage.

Zum Mittagessen bleiben wir am Ufer der Saône, nach Abzug der Wolken könnte die Stadt heute auch Chaleur-sur-Saône heißen. Hinter uns fährt ein deutlich überladenes Rad vorbei, und Mo meint, ich solle aufpassen, damit  ich nicht wie dessen Fahrer ende, der bei seiner letzten Radtour wohl den Absprung verpasst habe. Was sie damit meint, sehe ich erst nach dem Essen, als unser Weg am Besitzer des Fahrrades vorbei führt: Er sieht aus wie eine ausgezeichnet gelungene Kreuzung aus diesem und jenem.

Auf der anderen Seite des Flusses liegt ein gut besuchter Campingplatz, wir fahren durch Saint-Marcel und Épervans, um bei Ouroux-sur-Saône endlich auf die D933 nach Cuisery zu kommen. Die Verkehrsdichte nach dem Mittagessen sowie Menge und Fahrweise der Lkw machen uns nochmal klar, warum wir eigentlich  beschlossen hatten, nie mehr in dieser Richtung auf dieser Straße zu fahren.

Im Hotel werden wir freundlich empfangen und bekommen „comme d'habitude“ die Garage 1. Darin stehen die Räder zwar ziemlich verlassen beieinander, aber es ist eine freundliche Geste. Wir installieren uns in Zimmer 5, Dusche und kurze Pause, gegen sechs gehen wir in die Halle, um der (Büro)Arbeit zu frönen, um sieben folgt der Apéritif, danach das Essen.

Wir gönnen uns Hechtterrine, Kalbsbries und Poulet de Bresse, dazu gibt's den feinen Weißen von Hubert Laferrere aus Lugny.

23.07. Jour de repos: Cuisery–Cuisery (56,58 km, 2:26:18) (Absence de marquage)

„Auch 48 Zähne können beißen.“

So eine Ruhetag ist eine tolle Sache, man kann z.B. morgens länger ruhen. Nach dem Frühstück wollen wir dann mal ausprobieren, wie sich eine Strecke, die wir schon oft mit den Rennrädern gefahren sind, mit den Reiserädern fährt. Diese Strecke ist nicht übertrieben lang, bietet aber alles, was man sich wünschen kann: gerade Stücke, steile Anstiege, lange Abfahrten, Stadtverkehr, kleine Orte und Landschaft satt.

Vor dem Haus fängt uns der Chef persönlich ab, wirft einen fragenden Blick auf die Räder und meint: „Sind die neu oder frisch lackiert?“ Da weiß man: Es ist Zeit, los zu fahren. Wasser kaufen wir gegenüber bei Colruyt, dem einzigen Supermarkt in Cuisery. Der Laden sieht außen aus wie alle, innen aber ganz anders: Es ist ziemlich dunkel (das kann an der Sonnenbrille liegen), es sieht aus wie in einem Lager, die Kassiererinnen müssen stehen und die Waren der Kunden beim Kassieren in einen leeren Einkaufswagen umräumen.

Bei dem Kunden vor mir ist das besonders spannend. Er fährt etwa 15 bis 20 Flaschen Wein und einen riesengroßes Paket Hundefutter spazieren. Abgesehen von dieser sehr speziellen Kombination ist auch die Mischung der Weine beachtlich, es sind keine zwei Flaschen der gleichen Sorte dabei. Wahrscheinlich will er übers Wochenende alle mal durchprobieren und danach entscheiden, welchen er am Montag kauft.

Mo fällt der Mann auch auf. Sie sieht, wie er mit der hochkant im Wagen stehenden Hundefutterpackung aus der Tür kommt und mangels Sicht gegen eine der vier Metallstreben fährt, die den Eingang vom Parkplatz trennen. Das hätte ich auch gern gesehen.

Hier kommt nicht jeder durch.

Los jetzt! Die Strecke verläuft entlang der Seille, gleich im ersten Ort die bei uns weltberühmte „Mauer von Loisy“, die sich mit knapp 1.000 Kilometern Anlauf aber recht gut fahren lässt.

Wo der Bürgermeister von Loisy-sur-Seille seine Arbeitszeit verbringt.
Erinnert an Lübeck, liegt aber an der Seille.

Weiter geht's durch Huilly, wo sich eine Hausbesitzerin sichtlich freut, dass die Tour endlich auch mal bei ihr vorbeikommt. Danach der obligatorische Blick auf die Seille und weiter in Richtung Savigny, das wir so schnell wie noch nie zuvor erreichen. Auffällig bisher ist die über viele Kilometer sorgsam neu asphaltierte Straße, da haben die Gemeinden unsere seit Jahren üppig entrichtete Kurtaxe wohl zusammengelegt und ausgesprochen sinnvoll investiert. Dass die Markierung noch nicht aufgebracht ist, können wir verschmerzen.

Der SPAR-Markt in Louhans ist Anlaufstelle für unseren Einkauf, leider erweist er sich primär als Haltestelle, denn heute kauft Familie Dupont für ihr Fest am Wochenende ein. Salate, Platten, Brote, Kuchen, Chips und weiß der Henker, was sonst noch alles, werden vor, hinter und durch die Kasse rausgetragen. Der Chef persönlich räumt den Einkaufswagen aus und sagt der Kassiererin, was sie eintippen soll – er ist völlig aus dem Maisonchen (vielleicht hat er aber auch nur bei Colruyt gelernt?).

Am Ende hat sich die Aufregung für SPAR jedenfalls gelohnt. Madame Dupont schreibt einen Scheck über 729 Euro aus, da hätte ich mit meinen läppischen 2,70 eigentlich viel länger warten müssen.

Gespeist wird in La Chapelle-Naudé; über Montpont-en-Bresse, Romenay und Ratenelle fahren wir zurück ins Hotel. Insgesamt waren wir fast so schnell wie mit den Rennrädern, sind aber längst nicht so schlapp. Das liegt an der komfortableren Sitzposition, dem größeren Spektrum der Schaltung und den etwas geringeren Spitzen in der Übersetzung.

Konkret heißt das: Bergauf kann man viele Gänge leichter schalten und ist nicht so fertig, wenn man oben ankommt, bergab und auf gerader Strecke hat man mit 48 statt 53 Zähnen auf dem großen Blatt immer noch genug Widerstand, um sehr schnell vorwärts zu kommen und seinen Muskeln weh zu tun. Oder wie Mo es formuliert: „Auch 48 Zähne können beißen.“

Das Abendessen bestreiten wir mit Foie gras, Verrine de lapin und Carré d'agneau. An den Nachbartischen einerseits die französische Mutter mit den beiden Jungs, die sehr interessiert und hoch konzentriert von der Vorspeise bis zum Dessert jedes Detail kosten bzw. aufsaugen, andererseits das niederländische Ehepaar mit dem Jungen und dem Mädchen, die nicht wissen, was sie tun, wie sie es tun und warum sie es tun. Speziell das Mädchen sollte seit mindestens einer Stunde im Bett liegen, und als die Mutter das endlich akzeptiert, will auch der Junge sofort abgelegt werden.

Beim Toilettenbesuch treffe ich vor der Schiebetür einen weiteren Jungen von vielleicht zehn Jahren an, der verzweifelt an der Tür drückt. Ich schiebe sie freundlich zur Seite, er jauchzt vor Freude, stürzt in den Raum und verschwindet gleich hinter der nächsten Schiebetür. Da fällt mir glatt mein Pfadfinder-Motto wieder ein.

Zurück im Restaurant reden wir über die Spitze der Alterspyramide. Am Tisch schräg gegenüber sitzt ein Ehepaar in den Achtzigern, ihm fällt das Leben schon sichtlich schwer, sie erinnert an Mutter Riele und hat die Angelegenheit gut im Griff. Beide essen ausladend und mit sichtbarer Freude an der Sache. Beide sind rank und schlank, das macht uns Mut für die Zukunft.

Als sie aufbrechen, sieht man, wie viel Mühe ihm das Stehen und Gehen macht, sie dagegen versammelt sich am Tisch wie ein Springpferd vor dem Ochser – und raus geht's.