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Samstag, 26. März 2011

Das Leben ist schön

Harte Nacht, weil Grand lit und Madame keine separate Decke zur Verfügung hat, die sie sich über die Ohren hätte ziehen können. Trotzdem aufgestanden. Frühstück très francais (starke Baguettes und Croissants, schwacher Kaffee), mit deutscher Erkenntnis in Blickweite:

Lässt sich auf die meisten denkbaren Lebensbereiche anwenden.

Um halb zehn wieder auf der Piste, zuerst einmal zu Super U: zwei Vittel, ein Apfelsaft, zwei Bananen, alles gut verstaut und ab geht's an den Kanal.

Sieht langweilig aus, geht bei hoher Geschwindigkeit aber schnell vorbei.

Erstes Etappenziel ist heute Strasbourg, die knapp 30 Kilometer vergehen wie im Fluge, denn: gerade Strecke, Schaltung funktioniert wie gewünscht und wir sind ausgeschlafen.

In Strasbourg wollen wir den Grünen Strahl sehen, der zur Mittagszeit den Heiland erleuchtet und dann kurz durch einen Teil der Kirche wandert. Wir sind um elf an der Place de l'Etoile, von dort sind es nur ein paar Straßen bis zur Cathedrale. Als wir ankommen, ist die Tür zur Kirche geschlossen. Die Wieder-Öffnung wird für 12.45 Uhr versprochen. Wir fragen in der nahen Touristeninformation, ob der Strahl heute etwas später kommt. Der Kollege am Counter verneint und verweist auf den Seiteneingang zur astronmischen Uhr. Dort könne man gegen zwei Euro Eintritt ins Münster kommen und den Strahl sehen.

Wir sind glücklicherweise mit dem Fahrrad da und kommen entsprechend schnell zum besagten Eingang, wo die Menschen bereits in Schlange anstehen. An der Kasse ist nur noch der Ticketverkäufer, der den Strahl auf Nachfrage sofort erlöschen lässt: „Dr is heit scho vorbei.“ Seine Kollegen am Eingang bestätigen das freundlich und verweisen auf die nächste Gelegenheit: eine Woche ab dem 20. September (wenn die Sonne mitspielt).

Da setzen wir uns erstmal auf eine nahe Bank, genießen die gelben Strahlen und überlegen wie wir den Tag fortsetzen: Plat du jour oder weiterfahren. Die Entscheidung fällt für Christian.

Strasbourgs helle Seite.
Strasbourgs dunkle Seite.

Danach fahren wir zurück zur Place de l'Etoile und suchen den Radweg in Richtung Robertsau. Das gestaltet sich schwieriger als erwartet und liegt darin begründet, dass wir mit einer mehr als 12 Jahre alten Karte unterwegs sind. Ein radelnder Kollege nimmt uns nach Kontaktaufnahme ein Stück mit, wenig später sind wir zurück auf dem richtigen Weg. In Robertsau gönnen wir uns bei Simply einige Blätterteig-Teilchen mit Käsefüllung und eine Quiche lorraine. Leider entspricht der Käse dem Namen des Marktes.

Durch den Bois de la Robertsau geht es wunderschön in Richtung La Wantzenau, unterwegs säumen grüne Teppiche unseren Weg. Und es riecht sprübar vor-österlich.

Im Wald bei Strasbourg ist der Bär los.

In La Wantzenau wechseln wir auf die D 468, die uns durch Gambsheim und Herrlisheim nach Drusenheim führt. Die Räder laufen inzwischen wirklich super. So wie sie sich auf den Serpentinen hinauf nach Horben als Kletterer bewährt haben, zeigen sie sich jetzt auf der Landstraße als leicht laufende Renner.

Nach 70 Kilometern stehen wir um 15.37 Uhr bei Müllers vor der Tür. Irgendwie ist es noch zu früh, um Station zu machen. Irgendwie sind wir auch noch nicht genug gefahren. Als dann ein gerade mit dem Auto vorgefahrenes Paar mit ernster Miene wieder abfährt (complet?), gehen wir gar nicht mehr rein, sondern fahren die Straße weiter zum Kreisverkehr und von dort hinunter an den Rheinweg, dem wir die nächsten zwei Stunden folgen werden.





Der Wind kommt schön von hinten, die Piste ist breit wie eine Autobahn, die Räder fahren quasi von selbst. Mit steigender Kilometerzahl lässt zumindest der letztgenannte Eindruck deutlich nach, und wir suchen in (fast) jedem Ort nach Herberge und Kantine. Die Suche bleibt ohne lange Ergebnis, am bedauerlichsten scheint dies in Neuhaeusel, wo wir im ersten und einzigen Haus am Platz folgenden Hinweis erhalten:

Wer zu früh kommt, den bestraft der Wirt.

Am Ende schaffen wir es bis nach Seltz. Die Logis-de-France-Bleibe am Ort hat freitags geschlossen (das Bild brauchen wir hier nicht auch noch), also fahren wir auf der Straße nach Strasbourg zur Stadt hinaus zum Hotel des Bois. 100 Kilometer in den Beinen, Zimmer frei, Restaurant gegenüber, sicherer Ort für die Fahrräder.

Das Zimmer ist ok, das Essen schmeckt dem Hungrigen. Morgen geht's weiter in Richtung Mayence. Wenn's gut läuft, schlafen wir in Speyer.