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Sonntag, 27. März 2011

Es geht voran!

Heute süßes Frühstück: Pain au Chocolat, Croissants, Googlehupf und nix wie Marmelade. Dazu den Tele Matin auf France 2, zu dem eine Moderatoren- und Gäste-Truppe gecastet war, die jedem Familienfilm zur Ehre gereicht hätte: der strenge, aber verständnisvolle Papa, der ungestüm lausbübische Junior (war auch schon 35), die schicke, dunkelhaarige Mama (nicht nennenswert älter) und die etwas aufmüpfige, blonde Tochter/Schwiegertochter. Das Team moderierte sich vom Bandscheibenvorfall über Honoré de Balzac zu einer neuen Filmkomödie namens „Philibert“.

Nach dem Auschecken kurz rüber zu Super U, wo wir noch ein bisschen Wasser besorgten, und dann fuhren wir erstmal die vier Kilometer zurück zum Radweg. Die perfekte Piste führte uns durchs Delta der Sauer (Gruß an Dieter), das Besondere dabei: Heute ist der dritte Tag, und nichts tut weh. Die Beine nicht, die Schultern nicht, der Hintern nicht (trotz neuen Ledersattels). Keine schmerzenden Handgelenke, keine tauben Hände – Herr Bendixen, Sie müssen einiges ziemlich richtig gemacht haben.

Vor zehn Jahren sah der Kahn noch viel besser aus.

Nach dem Delta erreichen wir Munchhausen, bald darauf das Lauterbourger Chemiewerk. Es folgt der stille Auerwald, dessen Ende die Grenze zu Deutschland markiert.

Auenland, 100 Prozent Hobbit-frei.

Eigentlich sollten wir jetzt mit dem Schreiben aufhören, denn Essen und Trinken in Frankreich sind erstmal vorbei.

Trotzdem: Wir machen weiter.

Direkt hinter der Grenze warten in Neuenburg die Plakate zur Wahl. Kurt Beck lädt für den Vorabend zum Dämmerschoppen; er sieht aus, als wolle er die Unentschlossenen kurzerhand zur Urne trinken. Die Republikaner gehen noch einige Schritte weiter. Erstens versprechen sie „Zukunft durch Heimat“ (was immer das bedeuten mag), zweitens empfiehlt ein blondes Gretchen „blau“ zu wählen. Eine Super-Idee, da kann man zumindest am Tag nach der Wahl sagen, man hätte nicht gewusst, was man tat.

Wir wissen ganz genau, was wir tun, denn der Hunger treibt uns nach Maximiliansau. Die örtlichen Kleingärtner machen unsere Hoffnungen auf vernünftige deutsche Ernährung aber schnell zunichte. „Metschger hommi do nimmi", meint der freundliche Kollege mit dem Capote-Hütchen. Er schickt uns zum großen Gewerbegebiet am Rande des Radwegs und betont mehrfach, dass man dort nicht nur irgend etwas beim Metzger bekommen könne, sondern auch Mittagessen.

Das Gewerbegebiet liegt strategisch einwandfrei zwischen Eisenbahnbrücke, Schnellstraße und Wasserweg. Vom Baumarkt bis zum Floristen sind alle Gattungen von Einkaufsparadiesen vertreten. Was besonders auffällt: So wie in Lauterbourg, Seltz und Schweighouse die Fahrzeuge mit den Nummernschildern aus GER, KA und LD dominieren, so stehen hier die Franzosen, denen der Sinn nach deutschen Genüssen steht.

Wir gehen mit zwei Schnitzelbrötchen, einem LKW und zwei Teilchen für den Nachmittag vom Platz, fahren ein paar Meter nach Wörth und finden dort ein schönes Rastplätzchen im örtlichen Naherholungsgebiet.

Von Dom zu Dom zu Dom

Nahe Jockgrim beginnt unsere Fahrt durch die Altrhein-Auen. Da geht es vorbei an unberührtem Wald, hölzernen Stegen und Häusern im Fluss, Storchennestern zur Linken und Booten, Booten, Booten zur Rechten. Der Weg ist breit, weitgehend leer und überwiegend schnurgerade. Wir gewinnen gut an Fahrt und kommen auf den Rheinhauptdeich. Unterwegs grüßen entgegen kommende Rennradler (die Tourenfahrer normalerweise nie grüßen), und auf den zehn Kilometern zwischen Leimersheim und Germersheim passiert dann das Unfassbare – wir überholen mit Gepäck einen Rennradler, der zwar nicht extrem fährt, aber doch fassungslos schaut als wir vorüberziehen.

Was für ihn spricht: Er zieht eine dicke, alte Frau hinter sich her. Bei uns ist es umgekehrt, da treibt ein drahtiges, weibliches Energiepaket einen dicken, alten Mann vor sich her.

Ausgeflogen.

Beim Halt an der Rheinpromenade vor Germersheim platzt es dann aus Mo heraus: „Mir geht's heut' richtig gut.“ Wir haben schon einige Radtouren gemacht, das hat sie noch nie gesagt. Schon gar nicht bei Kilometer 275.

Auf neuen Wegen dem Dom entgegen.
Deutschland im Frühling 2011: überall still gelegene AKW.

Der Weg führt uns über viele Baumaßnahmen und Umleitungen weiter nach Speyer. Dort haben wir nach dem Freiburger und dem Strasbourger Münster den dritten Dom erreicht. Worms, Mainz und Frankfurt liegen jetzt noch vor uns.

Das Hotel Domhof nennen wir nicht beim Namen, nur so viel: Es liegt sehr nahe des Domes, kostet deutlich mehr als die – zugegeben: schlechteren – Hotels in Frankreich und verlangt für den Internet-Zugang per W-LAN, den es dort idR kostenlos gibt, satte fünf Euro. Deshalb heute keine Bilder, denn ich kann keine Inhalte hochladen, sondern muss den ganzen Sermon ins Internet-Terminal in der Halle tippen.

Ums Hotel ist's schöner als im Hotel.

Nachtrag 1:  Das Internet-Terminal in der Halle ist eine Frechheit. Da kann ich nicht tippen.
Nachtrag 2:  Die anderen Gäste in der Domhof Braustube essen und trinken genauso engagiert wie wir. Ob die in den letzten Tagen auch 300 Kilometer geradelt sind?