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Mittwoch, 11. Mai 2011

Von Esel, Kormoran und Rohrspatz

Nach dem Frühstück zurück ins Zimmer und direkt vorbei am frühstückenden Esel, der auf dem weitläufigen Centgraf-Gelände sein Gnadenbrot serviert bekommt. Da wir in der einen Richtung keine Kamera dabei hatten und der Kollege sich später hinter die alte Scheune verkrümelt hatte, liefern wir das Foto nächste Woche nach, wenn wir auf dem Rückweg nach F sind.

Unser Weg führt heute von Bürgstadt ostwärts bis Wertheim, dann über Marktheidenfeld weiter in nördlicher Richtung nach Lohr und Gemünden und von dort wieder südwärts nach Karlstadt. Dieser Abschnitt ist der wohl schönste Teil des ganzen Main-Radwegs: weites Tal, frisches Grün bis die Augen platzen, roter Sandstein, hier und da die Vorboten des fränkischen Weinlandes und hinter jedem Halm und jedem Blatt schallendes Vogelgezwitscher.

Einer, der nicht zwitschert, weil er den Hals ziemlich voll und daran gut zu schlucken hat, taucht manchmal kurz in der Flussmitte auf: ein Kormoran, der im Kampf um den lokalen Fischbestand gegen die örtlichen Angler jede Menge Pluspunkte sammelt.

Hier ist die Welt noch in Ordnung, und die Schiffe heißen wie der Kapitän: Ralf-Dieter.




Kurz vor Wertheim blockiert an einer Steigung die Schaltung, es geht aber glimpflich ab. Außerdem wackelt der Ständer, was sich mit dem mitgeführten Werkzeug nicht beheben lässt. Ein paar Kilometer hinter Wertheim dann unser Freund der Rohrspatz. Wir kennen ihn von mittlerweile vielen Mittagspausen am Mainufer. Er bewohnt – mal mit, mal ohne Lebensabschnittspartnerin – einen Wohnwagen direkt am Eingang zum örtlichen Campingplatz und war bisher immer da, wenn wir dort Halt machten. Seinen Kosenamen verdankt er der Fähigkeit, stets schon kurz nach unserer Ankunft mit besagter Dame (oder einem anderen Teilnehmer) einen lautstarken Streit vom Zaun zu brechen.

Heute bleibt ihm dafür nicht die Zeit, denn wir sind zu früh zum Mittagessen und halten eigentlich nur, weil wir hoffen, ihn kurz zu sehen und fotografieren zu können. Die wenigen Minuten genügen, um sowohl das eine als auch das andere zu tun. Denn kaum sind wir abgestiegen, läuft er einmal kurz durch sein Reich und verschwindet ebenso schnell, wie er gekommen war.

Rohrspatz (Emberiza schoeniclus) in natürlicher Umgebung, links der Zaun, von dem er den Streit bricht.
Was der Rohrspatz sieht, wenn er nicht schimpft.

Kurz vor 13 Uhr erreichen wir nach 55 Tageskilometern Marktheidenfeld – so früh wie nie, so frisch wie nie. Das Mittagessen speist sich aus Nahrungsresten, die wir gestern noch aus dem Kühlschrank gerettet haben: gekochte Eier, Tomaten, Salatgurke, dazu Butterbrot und Fleur de Sel. Die Kombination ist superlecker und wird auf den Speisezettel künftiger Radtouren aufgenommen. Auch die üppige Salz-Zufuhr ist sehr willkommen.

Radfahren ist eine sehr kontemplative Sache. Irgendwann schaltet man nahezu vollständig ab (das kann in Kurven u.ä. fatale Folgen haben), und irgendwann stellt man sich Fragen, die unbeantwortet bleiben (müssen?): Warum machen Menschen Fahrradtouren, denen man auf 20 Meter ansieht, dass sie dazu absolut keine Lust haben? Warum stechen Menschen mit Skistöcken auf den Boden ein? Warum schleifen andere Menschen beim Laufen Skistöcke über den Boden, die ohne diese Stöcke viel flüssiger laufen könnten? Warum nennen Menschen einen Wohnwagen „Azur“, „Südwind“ oder „Château“, wo es doch nur einen vernünftigen Namen für Wohnwagen gibt:

1.000 unbeantwortete Fragen, heute Frage 322: „Warum heißt mein Wohnwagen mein Hobby?“

Nach etwa einer halben Stunde machen wir uns auf den zweiten Tagesabschnitt: 20 Kilometer bis Lohr, dann je 15 nach Gemünden und Karlstadt. Die Strecke wird noch glatter, der Gegenwind lässt langsam nach, wir unterqueren die Autobahnbrücke, von der aus wir immer den Radweg grüßen. Heute grüßen wir hinauf zur A3.


Von der A3 gut zu sehen (dann etwas andere Perspektive).

Nächster Fixpunkt der Strecke ist Gemünden, wo im Eiscafé Cortina zwar der Kaffee stark zu verbessern wäre, dafür aber das Eis nicht. Nach einer knappen halben Stunde starten wir den Express für die letzten Kilometer, insgesamt haben wir bei Ankunft in Karlstadt etwas mehr als 104 Kilometer in weniger als fünf Stunden bewältigt.

Ein Ziel, das man gern erreicht.

Das Bett beim Fehmelbauer erwartet uns erst ab 17 Uhr, deshalb bleibt vorher noch Zeit für einen kurzen Besuch beim führend Fahrradladen in Karlstadt, wo man mir gern mit dem passenden Schraubenschlüssel aushilft, um den wackeligen Fahrradständer fest zu machen. Nach Dusche und kurzer Ruhe kommt es ab halb acht zu hemmungsloser Kalorienzufuhr. Im Anschluss an das tolle Schäufele muss noch ein Kaiserschmarrn geschlachtet werden, um die 4.000 abgestrampelten Kalorien nachzufüllen.

Stille Nacht.

Die Preziose des Tages

Nahe Dorfprozelten führt der Radweg durch ein kleines Industriegebiet, dann wieder abwärts zum Main, wo der Weg eine 90-Grad-Linkskurve macht und wieder parallel zum Fluss läuft. In der Kurve ist der Asphalt mit feinem Sand bestreut, auf der Grasnabe direkt daneben parkt ein Rettungswagen. Mo von hinten: „Warten die hier auf Kundschaft?“