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Mittwoch, 13. Juli 2011

Kann nicht mal einer die Dusche abdrehen?

Das Frühstück in Kilstett war bemerkenswert: tolle Baguettes, reichlich Butter, super Croissants und dazu Café und lait separiert. Wir haben uns mit „à la prochaine“ verabschiedet, mal sehen, wie lange es dauern wird.

Falls wir wieder den Weg über La Wantzenau nehmen, wird es sehr lange dauern. Denn so, wie wir uns bereits im März auf dem Weg gen Norden im Ort verfransten, so kurbeln wir auch diesmal unnötig lang in Richtung Süden. Ab der Ill-Brücke wissen wir dann wieder, wo's lang geht: durch den Wald, auf den Damm und so weiter in Richtung Strasbourg.


Etwas plump formuliert, aber der Franzose weiß schon, warum wir ihn besuchen.

In der Stadt steuern wir zunächst einmal den Treffpunkt aller Digital-Nomaden an: die McDonald's-Filiale im Stadtteil Meinau, um dort bei einem Café und einem Muffin Choco ein bisschen Büroarbeit zu erledigen. Anders als der juvenile Handelsvertreter, der einen kompletten Vierertisch mit Laptop, Ordnern und losen Unterlagen belegt hat, und dem eher dem arabischen Raum zuzuordnenden Vieltelefonierer, bleiben wir mit der Arbeit draußen, was die Beobachtung der Räder erleichtert.

Nach getaner Arbeit fahren wir ein ganzes Stück durch das sowohl industriell als auch islamisch geprägte Viertel. Erst die Autolackiererei, dann die Moschee, dann der Metall verarbeitende Betrieb und gleich dahinter die islamische Schule und der Deko-Laden „1001 Décoration“ (kein Scherz!).

Auf dem weiteren Weg Richtung Illkirch-Graffenstaden müssen wir den Radweg infolge Bauarbeiten verlassen. Das Ausweichen auf die ebenfalls aufgerissene Straße wird uns per deutlicher Schildersprache verboten, so dass wir uns bis fast zum Kanal illegal auf der Straße fortbewegen müssen.


Wenig Betrieb am Canal du Rhin au Rhone.

Um dem Fremden das mit der Zeit eintönige Fahren am Kanal etwas abwechslungsreicher zu gestalten, baut der Franzose immer wieder gern mal eine Déviation ein. Wir haben dadurch heute Gelegenheit, Plobsheim und sein Einkaufszentrum mit Boulangerie, Norma und diversen Kleingewerblern kennenzulernen.

Aus der zunächst willkommenen Chance, fürs Mittagessen zu sorgen, wird ein Aufenthalt von rund einer Stunde. Wir wären gerne nicht so lange geblieben, aber gleich nach dem Einkauf beginnt es zu schütten, so dass wir besagtes Mittagsmahl (lecker lokales Baguette und lecker Norma-Camembert) gleich vor Ort unter Normas einladendem und vor allem regensicheren Vordach konsumieren.


Wir bleiben trocken, Plobsheim wird nass.

Gegen eins geben wir unseren Widerstand auf und packen die Regenklamotten aus: Jacken und Hosen von Löffler, Gonso und Vaude, Helmüberzüge und Socken von Gore und Sattelschützer von Brooks. Und siehe da, alles funktioniert prächtig, wir können die Anschaffung jedem empfehlen, der längere Zeit oder generell wetterunabhängig mit dem Rad fahren möchte. Mit nachlassendem Regen steigt allerdings die Befeuchtung von innen durch Schwitzwasser, so dass wir uns auf Höhe von Boofzheim (die älteren Leser werden sich erinnern) wieder aus den Plastikhüllen schälen.

Im weiteren Verlauf der Strecke entdecken wir einen für uns neuen Radwegabschnitt in Richtung Marckolsheim, dem wir über zwei Schleusenabschnitte folgen. Der offensichtlich kaum genutzte Weg entlang des nicht mehr befahrbaren Kanals ist geschottert und zum Teil so tief, dass man das Rad kaum mehr beherrschen kann. Außerdem kostet das Fahren enorme Kraft, weshalb wir die Fahrt bei Bindernheim wieder auf die Landstraße verlegen.


Kostet mehr Kraft als man sieht: der Radweg am Kanal nach Marckolsheim.

Inzwischen wird es Zeit, das bei Norma erworbene Backwerk zu konsumieren. Es heißt „Gâteau four noisette“ bzw. in der deutschen Übersetzung „Rosco Füllstoff aus Kakao-Haselnusscreme“ und enthält laut gleichsprachiger Zutatenliste alles, was Mo nie essen würde, wie z.B. Feuchtigkeitscreme, säverungsmittel und Konservativ. Wir verabreden, das Teil auf der Bank beim nächsten Kriegerdenkmal zu verzehren. Mangels Kriegerdenkmal muss in Schwobsheim der örtliche Brunnen herhalten. Und Rosco Füllstoff ist so schnell verputzt, dass fürs Lesen besagter Zutatenliste erst hinterher die Zeit kommt.

Mit extrem gestiegenen Blutzuckerspiegel geht es weiter gen Marckolsheim, leider holt uns die Front, die so fern schien, ein paar Kilometer vor dem Ortseingang ein:


Da hinten wird's schon dunkler.


Den ersten Guss warten wir im Schutz eines Hauses am Straßenrand ab, parallel werden die Regensachen wieder bemüht, und mit nachlassender Intensität des Wasserschwalls setzen wir uns wieder auf die Räder. Von Marckolsheim führt eine Bundesstraße über den Rhein, und der erste Ort ist unser Ziel: Sasbach am Kaiserstuhl. im dortigen Löwen haben wir auf unserer ersten Rheintour vor ca. 12 Jahren Station gemacht, und es hatte uns gut gefallen.

Den Löwen gibt es immer noch, und er wird kaufmännisch einwandfrei geführt. Heute hat er einen separaten Neubau, heute spuckt der Reisebus 80 Rentner in die Gaststube (was uns in den Nebenraum verschiebt), heute wird abends nichts mehr serviert, sondern abgespeist. Immerhin: Die Forelle Müllerin ist gut, der hausgemachte Pflaumenkuchen ebenfalls (wo sind denn jetzt die Pflaumen reif?). Leider hat die regionale Spezialität „Schäufelchen“ mit der hessischen oder fränkischen Speise gleichen Namens nichts gemein, es ist einfach warmes Kasseler mit warmem, aber weitgehend geschmacksfreiem Kartoffelsalat.


Erlesene Speisen in ebensolcher Kammer.