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Montag, 31. Dezember 2012

12. Juni 2012, der vierunddreißigste Tag: Ruhetag in Sancerre

Zwanzig Gänge himmelwärts


Direkt nach dem Aufwachen der Griff zum Telefon, Zimmer prolongiert, wieder umgedreht, spät aufgestanden. Dusche in der Dusche, Frühstück im Zimmer und anschließend wissen wir nicht, was wir nun machen sollen. Machen wir doch einen Bummel durch die Stadt, bevor der Regen losgeht.

Fern fließt der Fluss, wir sind dem Himmel nah.

Sonntag, 30. Dezember 2012

11. Juni 2012, der dreiunddreißigste Tag: Sully-sur-Loire–Sancerre, 93,37 km

Es geht aufwärts!


Frühstück im Hause, es ist das beste, das uns diese Tour bisher beschert hat. Auf meine Frage nach dem Bäcker schaut uns der Patron zunächst verständnislos an und erklärt dann, dass er die von uns verzehrten Baguettes heute morgen selbst gebacken hat. Und die Viennoiserie ebenfalls.

Er kann verstehen, dass wir nicht noch einen Abend bleiben wollen, ohne sein Restaurant auszuprobieren und nimmt es entsprechend entspannt hin, dass wir nach dem Frühstück weiterfahren wollen. Vor dem Hotel ist inzwischen der wöchentliche Markt aufgebaut, es ist kurz nach neun.

Ein Château! Ein Château!

Dienstag, 25. Dezember 2012

10. Juni 2012, der zweiunddreißigste Tag: Orléans–Sully-sur-Loire, 56,01 km

L'important c'est la Regenhose

Zum Frühstück gibt's feinen Schinken und leckere Aprikosen, heute soll's regnen.

Nach etwa halbstündiger Rundfahrt durch die Stadt erreichen wir die Brücke, auf der wir gestern Abend ins Zentrum gekommen waren, sie führt uns direkt zum Anschluss an den Radweg auf der anderen Seite.

Zunächst geht es ein paar Kilometer auf kurviger Sandpiste an der Loire entlang, dann wieder auf einen Deichweg, auf dem wir trotz Gegenwind schnell nach Jargeau kommen. Unterwegs passieren wir das erste gemähte Kornfeld! Heute ist der 10. Juni!!

Die Brücke nach Châteauneuf-sur-Loire, ...
... ein paar Meter weiter erwartet uns Loulou.

Auf der anderen Seite, in Saint-Denis-de-l'Hôtel, kaufen wir ein. Vor dem Supermarché spricht uns ein Mann an, der behauptet, er habe 1956 in der Schule Deutsch gelernt. Außerdem behauptet er, im Auto CDs der Amigos und der Flippers zu haben. Ist das eine Falle?

9. Juni 2012, der einunddreißigste Tag: Blois–Orléans, 88,14 km

Endlich Schlossherrin!

Frühstück à la chambre. Mo weiß nicht mehr, wo sie ist. Um die Verwirrung zu komplettieren, buche ich gleich mal ein Hotel in Orléans.

Vor der Abfahrt geht's erst noch zum nahen Post-Palast. Draußen bettelt Ayshe, drinnen gibt es viele Schalter, vor jedem steht eine ordentliche Schlange. Weit und breit ist nur ein Mitarbeiter zu sehen. Viele Kunden drängen sich vor Automaten, so stellen sich Lieschen Müller und ich die Spielkasinos in Las Vegas vor.

Eine Kundin am Ende einer Schlange berät mich zwecks Markenkauf am Automaten. Als ich gehe, ist sie keinen Schritt vorwärts gekommen, und der Schalter ist nach wie vor unbesetzt. Vor meinem inneren Auge wird die Post am Südbahnhof zum Amt für Hochgeschwindigkeit.

Dienstag, 11. Dezember 2012

8. Juni 2012, der dreißigste Tag: Tours–Blois, 94,69 km

Königliche Preise

Mangels Alternativen zimmern wir uns ein Vorab-Frühstück aus Nescafé und Banane; Aufbruch zum gestern ausgeguckten Steg um kurz nach neun. Wir haben viel vor!

Unterwegs kaufen wir einen Bäcker leer, zweites Frühstück am Château. Während wir im Stehen speisen, verdoppelt sich die Zahl der Touristen-Busse auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Der Wind weiß, woher er wehen muss – wer den Radler liebt, der schiebt –, die Sonne lacht, wir lachen mit.

Da geht's lang!

Dienstag, 4. Dezember 2012

7. Juni 2012, der neunundzwanzigste Tag: Saumur Hotel–Saumur Bahnhof, 7,95 km

Heidi, Seal and the City

Wir frühstücken, was noch da ist – überraschenderweise ist tatsächlich immer noch was da (evtl. belasten wir uns mit zu viel Proviant). Danach packen, zahlen, nix wie weg, runter in die Stadt.

An einem recht zentralen Platz legen wir einen Stopp beim Bäcker ein: Croissants, Pains au chocolat, Rosinenschnecken – danke, wir essen's gleich hier. Kaum draußen, fängt der Regen an. Wir stehen lange nebenan beim Metzger unterm Vordach, parlieren vorsichtig mit Schirmträgern, die beständig kommen und gehen, und beschließen irgendwann, mit dem Zug nach Tours zu fahren.


Trübe Aussichten beim Bäcker in Saumur.

Wenn er planmäßig fährt, fährt er um 11.27 Uhr. Es ist jetzt 10.15 Uhr, da kaufen wir dem Bäcker sicherheitshalber noch ein paar Kalorienspender (bretonische Spezialität) ab und fahren gen Centre ville.

Dienstag, 27. November 2012

6. Juni 2012, der achtundzwanzigste Tag: Montjean-sur-Loire–Saumur, 97,93 km

Let's play the ferryman

Das Frühstück ist heute très français et très bon: Brot, Konfitüre, Viennoiserie – alles selbstgemacht, und Monsieur ist stolz darauf.

Draußen strömt der Strom, die Sonne lacht, roulons enfants!

Irgendwo da hinten muss Montjean sein.

Die  ersten 20 Kilometer geht es zügig voran, links wird der Himmel langsam schwarz, aber rechts (= auf unserer Seite) bleibt's hell. Die Loire ist seit Nantes frei von Schiffen, große Inseln in der Flussmitte beherbergen riesige Vogelschwärme, deren Mitglieder eifrig durcheinander schnattern, fliegen und brüten.

5. Juni 2012, der siebenundzwanzigste Tag: Le Pellerin–Montjean-sur-Loire, 94,95 km

Die Fähre ins Paradies ist kostenlos

Das Frühstück ist mau (nur Konserven), der Wind weht lau (und natürlich aus östlicher Richtung). Im Lokal sitzen zwei, drei weitere Gäste, jeder hat ein Tablett und – wenn wir die Minen richtig deuten – auch einen schweren Tag vor sich.

Der Chef steht am Tresen, heißt uns willkommen und weist uns in die Besonderheiten der dargebotenen Spezialitäten ein. Damit wir ihn gleich wiedererkennen, hat er sein Hemd von gestern nochmal angezogen. Der Koch kommt um acht und folgt dem guten Beispiel seines Baguettegebers – seine Jacke ist sichtbarer Beweis dafür, dass er schon seit Tagen wiedererkannt werden möchte.

4. Juni 2012, der sechsundzwanzigste Tag: Saint-Gervais–Le Pellerin, 114,26 km

Yesterday once more

Nach mieser Nacht in bunter Plastikwäsche und entsprechend starker Hitzeentwicklung erwarten uns im umgenutzten Restaurant ein maues Frühstück und eine Chefin, die mit gequältem Lächeln vorgibt, ihren Fehler vom Vorabend vergessen machen zu wollen.

So richtig überzeugend kommt das aber nicht rüber, wir machen uns schon vor neun und ohne Wehmut wieder auf den Weg. In Beauvoir-sur-Mer steht rechts der Straße ein Intermarché zum Einkauf bereit, später
kommt uns auf der D51 in Richtung l'Epoids ein kalter Wind aus West entgegen. Überall sehen wir flache, einfache Katen statt Häusern.

Flach, glatt, schwarz. Und wir fahren espresso.

Mittwoch, 5. September 2012

3. Juni 2012, der fünfundzwanzigste Tag: Talmont-Saint-Hilaire–Saint-Gervais, 90,72 km

Au Bude de Bruch

Unser Frühstück hat genauso wenig Power wie wir, entsprechend unterminiert machen wir uns auf den Weg zurück hinauf nach Talmont-Saint-Hilaire. Bereits nach kurzer Fahrt kommen wir an einem Abzweig vorbei, der auf einen neuen, noch nicht für den Verkehr frei gegebenen Zubringer zur Route nationale führt. Wir biegen wild entschlossen nach ab und sind bis zum Ende der Strecke entre nous.

An unserer Ausfahrt kommt uns eine Eingeborene entgegen, die gerade ansetzt, den Weg in umgekehrter Richtung zu nutzen. Sie lobt unseren Pioniergeist und weist uns den weiteren Weg. Gegen den Wind fahren wir auf der D4 nach Südwesten in Richtung Bourgenay.


Im Ort passieren wir eine Urlaubssiedlung von Pierre et Vacances, die aussieht wie Wertheim Village ohne Shopping.

Freitag, 31. August 2012

2. Juni 2012, der vierundzwanzigste Tag: La Rochelle–Talmont-Saint-Hilaire, 108,13 km

Ins Land von Muscadet und Gâche

Wir frühstücken am Fenster (wenig erfreuliche Aussicht), packen und schauen unten kurz in den „Frühstücksraum“. Er sieht aus wie eine schlechte Jugendherbergs-Kantine mit Selbstbedienung, Plastikgeschirr und -besteck; trotzdem sitzen da Menschen und essen. Das Angebot des Hauses ist laut großem Schild neben der Tür komplett Markenware, und tatsächlich ist alles von KRAFT, Unilever, Danone und Konsorten in Einzelportionen abgepackt (Butter, Marmelade, Wurst, Milch, Schmelzkäse usw. – das gesamte Elend der modernen Lebensmittelindustrie).

Also schnell in die Innenstadt. Das Office de Tourisme öffnet erst um neun Uhr, was uns eine halbe Stunde Zeit für einen Café am Hafen schenkt. Und dann gondeln wir mit einer kostenfreien Karte für den weiteren Weg fröhlich durch die Stadt.

Adieu La Rochelle, der Himmel winkt zum Abschied.

Mittwoch, 22. August 2012

1. Juni 2012, der dreiundzwanzigste Tag: Saint-Trojan-les-Bains–La Rochelle, 92,17 km

Über die Brücken in den Hafen

Nach Frühstück ruft Mo bei ihren Eltern an, um den Stand der Dinge zu erfahren, dieses Ansinnen erfährt auf der anderen Seite aber nicht sonderlich viel Gegenliebe. Immerhin wissen wir nun, dass nichts Schlimmes passiert ist, und können um neun Uhr los fahren.

Natürlich nicht, ohne die inzwischen zahlreichen Oldtimer zu bewundern, die teils abgedeckt, teils offen den Hotel-Parkplatz füllen. Von den meisten Herstellern haben wir noch nie gehört, die Mehrzahl der Fahrzeuge ist noch voll und ganz dem traditionellen Kutschenbau verpflichtet und wahrscheinlich vergleichbar spritzig unterwegs
.

Was Madame gerne an jedem Auto sähe.
Fünf-Speichen-Design gab's bereits zur Jahrhundertwende.

Montag, 20. August 2012

31. Mai 2012, der zweiundzwanzigste Tag: Ruhetag auf der Île d'Oléron

Willkommen zum Oldtimer-Treffen

Endlich mal wieder ausschlafen und spät frühstücken. Ich wechsle die Decke an meinem Hinterrad und stelle fest, dass bislang besseres Material auf der Felge saß. Aber die alte Decke war auch mehr als doppelt so teuer wie die neue.

Mo genießt den Pool, ich arbeite im Büro das Nötigste ab und leiste ihr später Gesellschaft. So geht der Tag ins Land. Obwohl wir erst drei Wochen unterwegs sind, denken wir heute schon an die Heimreise: Ab halb sechs planen wir mit Junior fürs Burgund und buchen die beiden bekannten Hotels. Er wird am 19. Juni mit dem Auto nach Pont-de-Veaux kommen,  sein Rennrad mitbringen und gemeinsam mit uns eine Woche in der Bresse die Hügel rauf und runter düsen.

Sonntag, 19. August 2012

30. Mai 2012, der einundzwanzigste Tag: Soulac-sur-Mer–Saint-Trojan-les-Bains, 86,16 km

Vom Paradies in die Hölle

Nach einem gutem Frühstück fahren wir nochmal an den Strand, um einen Blick aufs Meer zu werfen. Das Strandcafé mit integriertem Gesamtversorgungskonzept hat bereits geöffnet, wir nutzen die Gelegenheit, uns hochpreisig mit Baguette und Wasser zu versorgen.

Vom Amélie-Strand geht's entlang einer wenig befahrenen Straße, an deren Rändern meist gut erhaltene und sehr individuell gestaltete Sommerhäuser der Jahrhundertwende stehen, ins lebhafte Zentrum von Soulac-sur-Mer. Vor uns liegen insgesamt ca. 15 Kilometer bis zur Bac über die Gironde, die Abfertigungszone erinnert an den Fährhafen von Genua, hier muss im Sommer die Hölle los sein.

Freitag, 17. August 2012

29. Mai 2012, der zwanzigste Tag: Arès–Soulac-sur-Mer, 107,88 km

Wo die nackten Kerle Urlaub machen

Unser Hotel macht seinem Namen gleich beim Frühstück alle Ehre. Maritimes Ambiente mit Sand von fremden Gestaden in heimischen Gläsern, alles ist hübsch dekoriert. Am Tisch gibt's leckeres Brot und hausgemachte Marmelade, am Nachbartisch sitzen zwei Handwerker, die ihre Arbeit hoffentlich ernster nehmen als ihr Frühstück.

Kurz nach neun fahren wir nach rechts aus der Hoteleinfahrt und auf der Avenue de la Libération ins Ortszentrum. Direkt um die sehenswerte Kirche sind alle erforderlichen Angebote versammelt, wir ziehen uns ordentlich an und kaufen, was das Zeug hält
. Die Kassiererin bei Carrefour trällert ein munteres „J'arrive!“ durch den Laden, am Längerwerden der Schlange kann man abmessen, wie ernst sie das nimmt.

Ein Bäcker, der nicht zu viel von seinen Kunden sehen möchte.

Donnerstag, 16. August 2012

28. Mai 2012, der neunzehnte Tag: Bordeaux–Arès, 91,88 km

Es geschah am helllichten Tag

Pfingstmontag, schönes Wetter, das macht früh munter. Die Gruppe von ca. 15 Franzosen, die sich ab halb acht an der langen Tafel vor unserem Zimmer zusammen findet, erlebt das sehr intensiv und lässt uns umfänglich daran teilhaben.

Wir frühstücken indoors, sind früh fertig und haben etwas mehr Zeit für unsere Ehrenrunde durch die Stadt. Erst geht's durch die (noch) völlig stillen Straßen unseres Quartiers, dann nehmen wir einen Café an der Kathedrale und fahren von dort runter an die Garonne zum Wasserspiegel. Ein paar Jogger, ein paar Radler, wir folgen dem Ufer ein Stück und dann nach links quer über die Esplanade des Quinconces in den Jardin public
.

Nicht nur wir schlafen morgens gerne etwas länger.

Mittwoch, 15. August 2012

27. Mai 2012, der achtzehnte Tag: Langon–Bordeaux, 70,21 km

Vom feinsten Wein ans Ufer des Wassers

Der Tag fängt gut an: Morgens gibt's erstmal Ärger wegen Mos Motivation, und ich bin gedanklich schon wieder auf dem Heimweg. „So nicht!“ schallt es mir entgegen, Madame möchte unbedingt weiter und verspricht, weniger zu jammern.

Nach dem Frühstück fahren wir auf der D125 nach Sauternes, suchen und finden das Château d'Yquem, das auf unsere Ankunft vorbereitet scheint und alle Zufahrten abgeriegelt hat. Dafür ist die weitere Strecke auf den kleinen Landstraßen durch Graves schön und geht vor allem schön rauf und runter. Überall steht der Wein an überraschend kleinen Stöcken.

Sauternes, sauteuer.


Wir folgen weiter der D125, die sich nach Landiras schlängelt, wo uns der sonntägliche Markt erwartet. Es ist noch früh, aber wir nutzen natürlich die Gelegenheit und decken uns mit allerlei Essbarem ein.

Ein ganz besonderer Glücksgriff sind drei komische Tomaten, die so schrullig aussehen, dass sie einfach optimal zu uns passen.

Samstag, 11. August 2012

26. Mai 2012, der siebzehnte Tag: Sérignac-sur-Garonne–Langon, 89,79 km

20 Euro sind 20 Euro zu viel 

Der Tag beginnt anders als erwartet: mieses Wetter mit Aussichten, die keine Besserung versprechen. Also beschließen wir beim Frühstück in der stilecht dekorierten Halle, die Verlängerung zu stornieren und weiterzufahren.

Das Hotel macht keine Probleme, glücklicherweise ist auch Mos Wäsche schon fertig (aber leider nicht sauberer), so dass wir packen und uns kurz nach zehn auf den Weg machen können. Entlang der bereits vertrauten 
Obstplantagen kommen wir gut voran, der Wind kommt aus ebenso vertrauter Richtung und bringt eine leichte Schwüle mit. Irgendwann kommen uns zwei Eselwanderer entgegen, deren Weg wir an der unterwegs hinterlassenen Eselscheiße noch eine ganze Weile zurück verfolgen können.

Hier stehen die Pflaumen stramm, ...
... und hier die Bäume.


In Buzet-sur-Baïse drängelt sich eine alte Vettel an der Kasse vor und hat Glück, dass ich die Landessprache nicht beherrsche.

Mittwoch, 8. August 2012

25. Mai 2012, der sechzehnte Tag: Toulouse–Sérignac-sur-Garonne, 133,83 km

Was ist denn das für ein Moloch?“

Wir wiederholen das leckere Frühstück vom Vortag und verabschieden uns anschließend gefühlsduselnd und langatmig von unserer Gastgeberin. Sie gibt uns noch die grobe Richtung vor – am Fluss lang, dann der Allée de Barcelone nordwestlich folgend – und den Hinweis, dass es am Ende etwas unübersichtlich werden könnte.

Besagter Hinweis erweist sich vor Ort als durchaus berechtigt, denn wo die Allée aufhört, treffen sich praktisch alle Wasserwege der Stadt: Wir kommen entlang des Kanals von Südosten, aus östlicher Richtung schwappt der Canal du Midi heran, im Westen fließt die Garonne, und wir finden unsere Fortsetzung in Richtung Norden nicht: den Canal Latéral à la Garonne. Was die Suche erschwert, sind sechs gut befahrene städtische Straßen, eine Autobahn mit vier Auf- bzw. Ausfahrten und der Port de l'Embouchure, der alle Kanäle in seinem großen Becken auffängt.

Sonntag, 22. Juli 2012

24. Mai 2012, der fünfzehnte Tag: Waschtag in Toulouse

Schreiben, waschen, fetten

Früh links erwachen, dann zum Boulanger rechts nebenan. Unsere Gastgeber arbeiten bzw. spielen Tennis, wir versorgen die ausgelaugten Körper mit Kalorien.

Anschließend lassen wir die Waschmaschine rotieren, Mo sortiert auf Evas Rechner die Bilder der letzten beiden Wochen und lädt sie auf einen dieser bösen One-Click-Filehoster hoch, damit sie von anderer Stelle gesichert werden können. Das schafft auch ungemein Platz auf der Speicherkarte. Ich schreibe weiter am Blog, muss aber erkennen, dass 14 Tage Abstand zum Geschehen nur schwer zu kompensieren sind. Es läuft alles andere als flüssig, mehr als zwei Tage schaffe ich nicht, so dass ich beschließe, ab heute jeden Tag schriftlich festzuhalten und mir damit bessere Voraussetzungen für die nächste Schreibmöglichkeit zu schaffen.

Während die Wäsche auf der von Sonne überfluteten Terrasse trocknet, steuern wir eine Tankstelle in der Nähe an, wo wir unsere verdreckten Räder mit Hochdruck reinigen wollen. Wie der Zufall es will, kommen wir unterwegs an einem Fahrradladen vorbei, eine innere Stimme rät mir, dort Rat zu suchen, und wir erfahren, das Hochdruck die denkbar ungeeignetste Form der Reinigung ist.


Der Händler lädt uns ein, die Räder in seinem Hof mit seinem Schlauch und Wasser zu säubern. Dieses Angebot nehmen wir gerne an, erwerben im Gegenzug das passende Fett und einen Rad-Reiseführer bei ihm. So wäscht eine Hand die andere und am Ende sind alle fein raus.

Hebamme wider Willen an der Supermarkt-Kasse.

Samstag, 21. Juli 2012

23. Mai 2012, der vierzehnte Tag: Castelnaudary–Toulouse, 67,46 km

„Ihr habt ja 'n Sockenschuss!“

Während wir bei einem guten französischen Frühstück sitzen, hört der Regen langsam auf. Was ebenfalls verschwunden ist: der Sender meines Pulsgurtes, den ich gestern Abend vor dem Duschen – wie immer – abgenommen und auf dem kleinen Tisch im Zimmer platziert hatte. Da ich ihn auch nach dem Frühstück trotz intensiver Suche nicht finde, denke ich darüber nach, ob der lese- und schreibschwache Kellner eventuell während wir am Essen waren ... ist ja nur ein Gedanke.

Freitag, 20. Juli 2012

22. Mai 2012, der dreizehnte Tag: Homps–Sainte-Eulalie, 61,68 km

„Monsieur, c'est très compliqué.“

Nach dem harten Vortag fängt der neue Tag gleich viel besser an: Frühstück im Hotel, Cornflakes für Mo (alles wird gut) und ein kurzes Gespräch mit den schon wieder völlig neu eingekleideten ohne-Gepäck-Fahrern von gestern Abend.

Das Pärchen kommt aus Belgien und will innerhalb einer Woche von Narbonne nach Toulouse und wieder zurück fahren – insgesamt etwas mehr als 300 Kilometer, also durchschnittlich 40–50 Kilometer am Tag. Das sollte selbst für untrainierte 35-Jährige keine unlösbare Aufgabe sein, besonders wenn man weiß, dass der Schrankkoffer im Materialfahrzeug von Etappenziel zu Etappenziel transportiert wird.


Trotzdem sind beide, wenn auch unausgesprochen, so doch nicht minder offensichtlich unzufrieden. Wir schieben das auf folgenden Hintergrund: ER wollte unbedingt eine Radtour mit ihr machen. So wie „Il était une fois“, voller Romantik, auf zauberhaftem Weg und diesen vielleicht sogar in eine gemeinsame Zukunft. SIE fand diese Idee weniger überzeugend, ließ sich aber durch massive Zugeständnisse und von ebenfalls auf gemeinsame Zukunft ausgerichteter Perspektive breitschlagen (Gepäcktransport, kurze Etappen, evtl. fest fixierte Tempolimits usw.).


Und dann entscheiden sie sich ausgerechnet für den Canal du Midi, ausgerechnet in dieser Woche, die geeignet scheint, jede Beziehung in Matsch und Regen untergehen oder vom Winde verwehen zu lassen! Na dann, gute Fahrt!


Bonjour et bienvenue au Canal du Midi.

Freitag, 13. Juli 2012

21. Mai 2012, der zwölfte Tag: Nissan-lez-Enserune–Homps, 59,42 km

Au Canal du Muddy

Im Lauf der Nacht hat es heftig geregnet, wir frühstücken im Zimmer und schauen auf das bisschen grauen Himmel, das wir von unserem Fenster aus sehen können. Der Regen hört dann doch noch auf, wir ziehen uns wind- und wetterfest an und machen uns schon vor neun auf den Weg nach Narbonne.

Das lässt sich mit dem geplanten Kirchenbesuch schlecht an, denn sie öffnet ihre Türen erst um zehn. Mit dem Weg nach Salles-d'Aude ist es auch nicht besser, er hat zwar geöffnet, der Gegenwind ist aber derart heftig, dass wir entnervt umdrehen und uns gleich in Richtung Canal du Midi orientieren. Das heißt zunächst: bergauf in Richtung Oppidum d'Ensérune.

Von der alten Festung übers neue Land.
Romantischer Eingang, ...
... leider kein Ausgang.

Oben angekommen, verlieren wir erneut Zeit, weil wir versuchen, dem Kanal durch einen Tunnel zu folgen. Der schmale Pfad an der Seite ist schwer zu meistern und hört am anderen Ende ohne Vorwarnung auf, so dass wir ein Stück schwimmen oder zurück müssen. Wir schieben also zurück, irren wieder ein wenig durch die Umgebung und finden endlich den Zugang zum Kanal: Ein vom Regen der letzten Tage aufgeweichter Wiesenpfad verläuft parallel zum Wasser – so haben wir uns das absolut nicht vorgestellt.

Wenn das ein Radweg ist, möchte man kein Radfahrer sein.

Wir verlassen den Matsch, so schnell wir können, und fahren zurück auf die Straße. Das ist allerdings auch keine Lösung, denn sie liegt ein gutes Stück höher und außerhalb der dichten Baumreihen, ist damit ungeschützt und ein Paradies für den Wind, der uns um die Ohren pfeift. Hinter Capestang wechseln wir auf gut Glück immer wieder hin und her, nach ein paar Kilometern biegen wir entnervt auf die D13 in Richtung Ouveillan und weiter nach Sallèles-d'Aude ab.

Bei Maria und Stefan in Capestang.
Monumentale Ruhe vor Ouveillan.

Entlang der D124 fahren wir weiter westwärts, selten oberhalb des Kanals und gegen den stärker werdenden Wind auf der Straße, meist im Windschatten der Bäume durch den immer tiefer werdenden Matsch am Ufer. Dort unten kommt uns irgendwann ein Tandem entgegen, anfangs parlieren wir auf Französisch, dann setzt sich bei dem anderen Pärchen der englische Akzent durch, und wir machen der Qual durch einen Wechsel ins Englische ein Ende.

Die Kollegen berichten vom noch(!) schlechter (!!) werdenden Weg und von schweren Stürzen in anderen Gruppen, denen sie begegnet sind. Sie selbst sind erst ein Mal zu Boden gegangen und wundern sich, wie sie das geschafft haben. Wir erfahren, dass das Fahren mit dem Wind leichter und angenehmer ist und dass er zum Schutz vor dem Regen eine Duschhaube unter dem Helm trägt, während sie unsere gelben Überzüge favorisiert. Zum Abschied schenkt er uns noch einen Teil seiner Straßenkarte und gibt uns mit verschwörerischer Miene eine Weisheit mit den Weg: „You'll get muddy.“

Minervois aude Aude?

Seine Frau empfiehlt uns ein Restaurant am Hafen von Homps, unter blauer Markise seien sie dort freundlichst empfangen und leckerst bekocht worden – „and there's also an Auberge nearby“.

Die ernstzunehmenden Warnungen und der tatsächlich schlechter werdende Weg führen uns erneut auf die Straße, wo der Wind für uns die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft setzt: Nach einem Einkauf in Roubia fahren wir die D124 ein paar Hundert Meter, dann geht es steil bergab, aber die Räder rollen gegen den Wind nicht hinunter. Erst kräftiges Treten bringt uns vorwärts, die Situation bringt uns eher zur Verzweiflung.

Links sehe ich den Kanal, wir fahren auf einem Ackerweg hin, um an dessen Ende festzustellen, dass es dort nicht weitergeht. In einiger Entfernung ist wenigstens eine Schleuse zu sehen. Wir stapfen schiebend durch den lehmigen Boden eines frisch umgepflügten Ackers. Der Schleusenwärter hat Mitleid und lässt uns (was generell strengstens verboten ist) die Räder über das Schleusentor schieben, auf der anderen Seite angekommen, versuchen wir, unsere Schuhe zumindest notdürftig zu säubern.

Dem ist doch nichts hinzuzufügen.

Wenigstens hat mittlerweile der Regen aufgehört, und gegen fünf kommen wir ziemlich geschafft in Homps an. Eine Einheimische, die ich anspreche, kennt keine „Auberge nearby“, sondern nur Chambres d'Hôtes. Die beiden von ihr genannten Adressen fahren wir an, beide gefallen uns nicht so. In der Ortsmitte sehen wir dann auf einer großen Informationstafel doch die Werbung eines Hotels, das sogar ein bezahlbares Zimmer für uns frei hat. Ein Pärchen ohne Gepäck steht neben uns und kommt kurz nach uns ebenfalls am Hotel an.

Der Patron, Monsieur Scheiwiller, schickt uns mit verschmierten Schuhe die Treppe hoch, wir säubern sie dort, wo wir auch uns säubern: in der Wanne. Hoffentlich sind sie morgen wieder trocken. An die blaue Markise denken wir nicht mehr, erfreulicherweise ist das 22-Euro-Menü im Hause jeden Centime wert. Das Pärchen ohne Gepäck kommt höchst aufgedüst zum Essen, da muss es irgendwo einen Gepäcktransporteur geben

Zum guten Schluss die weniger warmen Worte der Gattin: „Es ist saukalt, der Wind wird immer stärker, mir kommt's vor wie November. Canal du Midi? Vergiss es!“

Wo der Kanal den Fluss überquert, macht der Matsch eine kurze Pause.

20. Mai 2012, der elfte Tag: Palavas-les-Flots–Nissan-lez-Enserune

Vier Zylinder westwärts

Um sieben Uhr schauen wir auf die Straße, draußen geht die Welt unter, und die Prognose sagt, dass sich daran erstmal nichts ändern wird. Wir fragen an der Rezeption, ob wir eine Nacht verlängern können, und stellen den Wecker auf halb neun.

Während des späten Frühstücks überlegen wir, ob es wirklich sinnvoll ist, einen ganzen Tag in einem Hotelzimmer in Palavas-les-Flots zu verbringen. Der Ort ist hässlich, es gibt absolut nichts zu tun oder zu sehen, und wenn wir Pech haben, sieht es morgen früh auch nicht besser aus. Und das bei relativ hohen Kosten, wenn wir Zimmerpreis und Abendessen von gestern addieren.

Irgend jemand fragt: „Wo wollten wir heute eigentlich hin, und was kostet ein Taxi dorthin?“

Im Logis-Verzeichnis finden wir ein Hotel westlich von Béziers, das erstens erreichbar und zweitens einladend wirkt. Man hat Platz für uns, wir reservieren. Unten an der Rezeption streicht der Patron persönlich unsere Verlängerung vom Morgen und kümmert sich um ein Taxi. Dessen Angebot ist günstiger als das Bleiben es wäre, also nehmen wir an (schon klar, damit verdoppeln sich heute die Kosten, dafür sind wir aber auch eine Etappe weiter).


Wo wir wohnen, ...

Das Taxi kommt etwas früher, Mo ist noch einkaufen, ich helfe dem Fahrer beim Verstauen der Räder und interviewe eine Gruppe amerikanischer StudentInnen, die sehr sommerlich bekleidet das Hotel überschwemmen. Sie sind vor zwei Tagen in Paris gelandet, haben gerade Avignon besichtigt („Oh, it's so nice!“), bleiben zwei Tage am Meer und fahren dann für drei Tage nach Toulouse. Von dort geht's zurück nach Paris und wieder in die USA. Na, dafür lohnt sich doch jeder Interkontinentalflug.

Unser Chauffeur schimpft unterwegs auf alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Die schlechte Infrastruktur der Region (weil alles Geld in die Touristenorte am Meer gepumpt wird), die wachsende Bürokratie im Land, die hohen Steuern, den Niedergang seines ehemaligen Berufes (er war Schlachter, aber „le métier est mort“) usw. usf.

Nach einer Stunde erreichen wir Nissan-lez-Enserune, irgendwo unterwegs hat der Regen aufgehört, wir schöpfen Hoffnung. Im Hotel gibt man uns ein nettes Swarovski-Zimmer im Annexe, wir essen das Mitgebrachte, schlafen bis sechs und spazieren anschließend durch den Ort.


... wo die Liebe wohnt, ...
... wo der Bürgermeister wohnt.

Das Abendessen beginnt mit einem Apéritif im Altbau, der kleine Salon ist zauberhaft möbliert, am Nachbartisch sitzt ein Mann, der mich an unseren Elektriker erinnert, und von der Wand schallt die französische Talkrunde.

Zum Essen müssen wir ins Nachbarhaus, der Juniorchef bedient gemeinsam mit einer Mittzwanzigerin, sie wirkt anfangs etwas unbeholfen, erweist sich aber sehr schnell als hoch professionell. Hervorragendes Essen gibt's auch: Tartare de Saumon frais à l’ananas et poivre de séchuan und Souris d'agneau cuite 48h au romarin, poêlée de légumes glacés de saison für Madame, Marbré de Foie gras et Confit de Canard, toast aux céréales und Côte de Cochon cuite à basse température, cocotte d'écrasée au lard fumé et son jus réduit für Monsieur. Letzteres übrigens ein echter Hammer – super-saftig und nahezu fettfrei.

Dazu müssen wir leckeren Wein trinken, und am Ende zwingen sie uns auch noch, Soufflé coulant au chocolat, Glace confiture de lait bzw. Baba au rhum cubique chantilly maison zu essen. Es ist zum Verrücktwerden!


Abends leider geschlossen, wir schauen morgen mal rein.

Donnerstag, 12. Juli 2012

19. Mai 2012, der zehnte Tag: Beaucaire–Palavas-les-Flots, 93,69 km

Stürmische Zeiten

Auf das „Kissdellafruhstuck“ verzichten wir. Stattdessen kommt das übliche Sammelsurium von Nescafé, Pain au lait, Comté, Joghurt und Banane zum Einsatz.

Um neun Uhr fahren wir den Hotelberg hinunter, auf dem Bürgersteig der anderen Straßenseite plagt sich ein Jogger, der unbedingt mit mir mithalten will, und das schon am frühen Morgen! Meine Gattin sollte sich ein Beispiel an ihm nehmen. Irgendwann geht es so steil bergab, dass er nicht mehr mitkommt, ich winke fröhlich, beim nächsten Rond point fahren wir rechts ab auf die Route de Saint-Gilles, der wir bis in den gleichnamigen Ort folgen.

Gleich in der ersten Bar nehmen wir zwei Cafés und fragen nach einer Einkaufsmöglichkeit. Madame schickt uns zum Carrefour am Ortsausgang, was uns einiges an Zeit kostet, dafür aber mit einer wilden Mischung aus Kundschaft belohnt. Ich halte beide Räder fest und das Gepäck im Auge, während Mo sich ins Getümmel stürzt (und dort lange bleibt). Mir fällt auf, dass der Supermarkt schon am Eingang deutlich darauf hinweist, dass Laden und Umgebung video-überwacht werden. Wenn ich mich umschaue, kann ich das verstehen.


Zurück im Ort fragen wir zwei Plakatkleber im besten Mannesalter (also etwas älter als ich) nach dem Weg, sie schicken uns geradeaus über die Brücke und die Eisenbahnlinie. Direkt danach geht es rechts auf die D179 und damit in eine andere Welt.


Vier Liegeplätze des Glücks.

Unsere Straße führt im Zickzack durchs Gelände, der Wind weht zum Teil heftig, und wir düsen vom Verkehr weitgehend verschont an Reisfeldern vorbei, sehen zahllose Vögel, die wir nicht benennen können, die sich aber offensichtlich trotzdem sehr gut in der Gegend ernähren können. Irgendwo mittendrin hat ein Belgier sein Auto verlassen und geht auf die Pirsch. Mit seiner Kamera und einem Teleobjektiv, das diesen Namen wirklich verdient.

Beim Centre du Scamandre biegen wir links ab und sehen zur Belohnung die ersten Camargue-Pferde. Nicht viel weiter treffen wir westlich wir auf die D58, die sichtlich darauf ausgelegt ist, möglichst viele Besucher möglichst reibungslos nach Aigues-Mortes zu bringen. Und ebenso reibungslos wieder weg. Wir machen an einem Weg rechts der Straße Mittagspause. Kurz vor der Weiterfahrt klingelt das Telefon, und wir erfahren, dass unser lebloser Rechner morgen nach Deutschland überführt wird. Mal sehen, ob wir ihn je werden reanimieren können.

Tote Wasser sind voll.

Aigues-Mortes ist uns zu voll, wir schauen nur kurz rein, dann, dass wir weiter kommen. Kaum sind wir um die nächste Ecke der Stadtmauer gekommen, ruft die Dame hinter mir: „Vorsicht, Wind!“, da hat es mich beinahe schon vom Rad gehoben. Wir fahren rechts ran, schauen uns die schnurgerade D979 zwischen den großen Salzseen an und beschließen, die kommenden sechs Kilometer im kleinsten Gang und gaaanz vorsichtig in Angriff zu nehmen.

Ein, zwei Kilometer geht das recht akzeptabel, dann schaltet der Wind zunächst auf Sturm, dann auf Katastrophenmodus und bläst aus östlicher Richtung auf Gepäck und Körper. Beides erweist sich als perfekter Windfang, so wird das Geradeausfahren auf den folgenden Kilometern zum echten Kraftakt, und es bleibt kaum Gelegenheit, ein Auge auf die links und rechts im Wasser stehenden Flamingos zu werfen.

Nach schier endloser Fahrt erreichen wir Le Grau-du-Roi, atmen tief durch, fahren nach rechts über die Brücke und lassen uns von der einen Katastrophe in die nächste schieben.

Ach, du kriegst die Grand Motten ...

In La Grand Motte denken wir darüber nach, mit einem Bus etwas weiter ins l'Herault zu fahren, am besten gleich bis nach Lodève. Der Busfahrer hält das für keine Erfolg versprechende Idee, denn Fahrräder nehmen die hiesigen Busse nicht mit. Und selbst wenn wir einen kooperativen Kollegen fänden, wäre das Ganze immer noch kaum realisierbar, denn der Weg führt über Montpellier und wir müssten mindestens drei Mal umsteigen.

Also verwerfen wir den Gedanken, fahren weiter staunend ins Zentrum dieses malerischen Touristenstädtchens und gönnen uns in einem strandnahen Salon de thé einige Törtchen und zwei Cafés. Auf der D59 fahren wir über Le Grand Travers motteauswärts; der Weg führt direkt am Strand entlang bis nach Carnon und nach einem kleinen, für Fahrräder verbotenen Schlenker über einen Hauptverkehrskreisverkehr weiter nach Palavas-les-Flots.

Die gesamte Strecke führt durch überwiegend auf dem Reißbrett entworfene Siedlungen, die eher an Massentierhaltung als an Urlaubsidylle denken lassen. Der fast schon bösartige Wind und die mit ihm ziehende, geschlossene Wolkendecke verstärken den trostlosen Eindruck. Irgendwer hat ausgerechnet für heute einen Halb-Triathlon terminiert. Die Aktiven, die uns auf ihren Hightech-Rädern entgegen kommen, können einem wirklich leid tun.

Willkommen in den schönsten Wochen des Jahres.

Im örtlichen Office de Tourisme erbeuten wir einen lokalen Hotelführer, die ersten beiden Ziele scheiden nach persönlicher Ansicht aus, beim dritten Versuch werden wir heimisch. Das Mädel an der Rezeption gibt sich viel Mühe mit uns, die Chefin erlässt uns die Parkgebühr von je einem Euro, weil sie den umweltfreundlichen Aspekt des Radtourismus' fördern will.

Fürs Abendessen gibt man uns zwei Empfehlungen mit auf den Weg, die erste Adresse ist nicht unteuer, da gehen wir lieber zur zweiten. Im Le Saint-Georges stehen zwei besetzte etwa 25 leeren Tischen gegenüber, ein Jüngling in schwarz fragt nach unserer Reservierung und bietet uns, da wir keine haben, den kleinen Tisch direkt im Eingang an. Den mögen wir nicht so, aber alle anderen sind nach seiner Aussage reserviert, und man trennt sich in gegenseitiger Verachtung.

Also doch in die teurere Alternative. Die Umgebung riecht zwar bedenklich nach Touristenfalle, aber dann geht's hinten raus und eine ansehnliche Treppe hoch. Vor uns eine sehr heterogene Gruppe von etwa 15 Personen, die der Oberkellner im Vorraum begrüßt und deren Jacken er in einem aufnahmefähigen Garderobenschrank verstaut. Unsere Regenjacken finden dort ebenfalls Platz, denn wir werden ohne Reservierung und sehr freundlich aufgenommen.

Hässlicher Ort mit schöner Aussicht.

Der Oberkellner lässt uns durch einen seiner Unterkellner im Restaurant platzieren. Ich höre „Table 35“, rechne sofort mit dem Schlimmsten (Katzentisch am Klo) und werde bitter enttäuscht: Wir sitzen neben der 15er-Gruppe, haben freien Blick aufs Mittelmeer und kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Die Karte ist sehenswert, die Menüs sind viel versprechend. Mo beginnt mit einer tollen Fischsuppe, isst danach ein Doradenfilet und zum guten Schluss ein feines Parfait. Ich fange mit einer asiatischen Jakobsmuschel-Variante an, freue mich anschließend über gebratenen Rascasse und Brioche perdu. Der vom Keller empfohlene Wein passt wie für uns vergoren, der Service ist nicht von dieser Welt – nur gut, dass uns der Jüngling vorhin keinen besseren Tisch angeboten hat.

Draußen spuckt das Meer wellenweise Wasser aufs Land, der Sturm biegt die Palmen in flachem Winkel und reißt ihnen die wenigen Büschel aus, die sie haben. Wir schauen dem Treiben lange von unserem Fensterplatz aus zu, dann treten wir glücklich den Rückweg an.

Leuchte er uns heim!