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Freitag, 31. August 2012

2. Juni 2012, der vierundzwanzigste Tag: La Rochelle–Talmont-Saint-Hilaire, 108,13 km

Ins Land von Muscadet und Gâche

Wir frühstücken am Fenster (wenig erfreuliche Aussicht), packen und schauen unten kurz in den „Frühstücksraum“. Er sieht aus wie eine schlechte Jugendherbergs-Kantine mit Selbstbedienung, Plastikgeschirr und -besteck; trotzdem sitzen da Menschen und essen. Das Angebot des Hauses ist laut großem Schild neben der Tür komplett Markenware, und tatsächlich ist alles von KRAFT, Unilever, Danone und Konsorten in Einzelportionen abgepackt (Butter, Marmelade, Wurst, Milch, Schmelzkäse usw. – das gesamte Elend der modernen Lebensmittelindustrie).

Also schnell in die Innenstadt. Das Office de Tourisme öffnet erst um neun Uhr, was uns eine halbe Stunde Zeit für einen Café am Hafen schenkt. Und dann gondeln wir mit einer kostenfreien Karte für den weiteren Weg fröhlich durch die Stadt.

Adieu La Rochelle, der Himmel winkt zum Abschied.

Mittwoch, 22. August 2012

1. Juni 2012, der dreiundzwanzigste Tag: Saint-Trojan-les-Bains–La Rochelle, 92,17 km

Über die Brücken in den Hafen

Nach Frühstück ruft Mo bei ihren Eltern an, um den Stand der Dinge zu erfahren, dieses Ansinnen erfährt auf der anderen Seite aber nicht sonderlich viel Gegenliebe. Immerhin wissen wir nun, dass nichts Schlimmes passiert ist, und können um neun Uhr los fahren.

Natürlich nicht, ohne die inzwischen zahlreichen Oldtimer zu bewundern, die teils abgedeckt, teils offen den Hotel-Parkplatz füllen. Von den meisten Herstellern haben wir noch nie gehört, die Mehrzahl der Fahrzeuge ist noch voll und ganz dem traditionellen Kutschenbau verpflichtet und wahrscheinlich vergleichbar spritzig unterwegs
.

Was Madame gerne an jedem Auto sähe.
Fünf-Speichen-Design gab's bereits zur Jahrhundertwende.

Montag, 20. August 2012

31. Mai 2012, der zweiundzwanzigste Tag: Ruhetag auf der Île d'Oléron

Willkommen zum Oldtimer-Treffen

Endlich mal wieder ausschlafen und spät frühstücken. Ich wechsle die Decke an meinem Hinterrad und stelle fest, dass bislang besseres Material auf der Felge saß. Aber die alte Decke war auch mehr als doppelt so teuer wie die neue.

Mo genießt den Pool, ich arbeite im Büro das Nötigste ab und leiste ihr später Gesellschaft. So geht der Tag ins Land. Obwohl wir erst drei Wochen unterwegs sind, denken wir heute schon an die Heimreise: Ab halb sechs planen wir mit Junior fürs Burgund und buchen die beiden bekannten Hotels. Er wird am 19. Juni mit dem Auto nach Pont-de-Veaux kommen,  sein Rennrad mitbringen und gemeinsam mit uns eine Woche in der Bresse die Hügel rauf und runter düsen.

Sonntag, 19. August 2012

30. Mai 2012, der einundzwanzigste Tag: Soulac-sur-Mer–Saint-Trojan-les-Bains, 86,16 km

Vom Paradies in die Hölle

Nach einem gutem Frühstück fahren wir nochmal an den Strand, um einen Blick aufs Meer zu werfen. Das Strandcafé mit integriertem Gesamtversorgungskonzept hat bereits geöffnet, wir nutzen die Gelegenheit, uns hochpreisig mit Baguette und Wasser zu versorgen.

Vom Amélie-Strand geht's entlang einer wenig befahrenen Straße, an deren Rändern meist gut erhaltene und sehr individuell gestaltete Sommerhäuser der Jahrhundertwende stehen, ins lebhafte Zentrum von Soulac-sur-Mer. Vor uns liegen insgesamt ca. 15 Kilometer bis zur Bac über die Gironde, die Abfertigungszone erinnert an den Fährhafen von Genua, hier muss im Sommer die Hölle los sein.

Freitag, 17. August 2012

29. Mai 2012, der zwanzigste Tag: Arès–Soulac-sur-Mer, 107,88 km

Wo die nackten Kerle Urlaub machen

Unser Hotel macht seinem Namen gleich beim Frühstück alle Ehre. Maritimes Ambiente mit Sand von fremden Gestaden in heimischen Gläsern, alles ist hübsch dekoriert. Am Tisch gibt's leckeres Brot und hausgemachte Marmelade, am Nachbartisch sitzen zwei Handwerker, die ihre Arbeit hoffentlich ernster nehmen als ihr Frühstück.

Kurz nach neun fahren wir nach rechts aus der Hoteleinfahrt und auf der Avenue de la Libération ins Ortszentrum. Direkt um die sehenswerte Kirche sind alle erforderlichen Angebote versammelt, wir ziehen uns ordentlich an und kaufen, was das Zeug hält
. Die Kassiererin bei Carrefour trällert ein munteres „J'arrive!“ durch den Laden, am Längerwerden der Schlange kann man abmessen, wie ernst sie das nimmt.

Ein Bäcker, der nicht zu viel von seinen Kunden sehen möchte.

Donnerstag, 16. August 2012

28. Mai 2012, der neunzehnte Tag: Bordeaux–Arès, 91,88 km

Es geschah am helllichten Tag

Pfingstmontag, schönes Wetter, das macht früh munter. Die Gruppe von ca. 15 Franzosen, die sich ab halb acht an der langen Tafel vor unserem Zimmer zusammen findet, erlebt das sehr intensiv und lässt uns umfänglich daran teilhaben.

Wir frühstücken indoors, sind früh fertig und haben etwas mehr Zeit für unsere Ehrenrunde durch die Stadt. Erst geht's durch die (noch) völlig stillen Straßen unseres Quartiers, dann nehmen wir einen Café an der Kathedrale und fahren von dort runter an die Garonne zum Wasserspiegel. Ein paar Jogger, ein paar Radler, wir folgen dem Ufer ein Stück und dann nach links quer über die Esplanade des Quinconces in den Jardin public
.

Nicht nur wir schlafen morgens gerne etwas länger.

Mittwoch, 15. August 2012

27. Mai 2012, der achtzehnte Tag: Langon–Bordeaux, 70,21 km

Vom feinsten Wein ans Ufer des Wassers

Der Tag fängt gut an: Morgens gibt's erstmal Ärger wegen Mos Motivation, und ich bin gedanklich schon wieder auf dem Heimweg. „So nicht!“ schallt es mir entgegen, Madame möchte unbedingt weiter und verspricht, weniger zu jammern.

Nach dem Frühstück fahren wir auf der D125 nach Sauternes, suchen und finden das Château d'Yquem, das auf unsere Ankunft vorbereitet scheint und alle Zufahrten abgeriegelt hat. Dafür ist die weitere Strecke auf den kleinen Landstraßen durch Graves schön und geht vor allem schön rauf und runter. Überall steht der Wein an überraschend kleinen Stöcken.

Sauternes, sauteuer.


Wir folgen weiter der D125, die sich nach Landiras schlängelt, wo uns der sonntägliche Markt erwartet. Es ist noch früh, aber wir nutzen natürlich die Gelegenheit und decken uns mit allerlei Essbarem ein.

Ein ganz besonderer Glücksgriff sind drei komische Tomaten, die so schrullig aussehen, dass sie einfach optimal zu uns passen.

Samstag, 11. August 2012

26. Mai 2012, der siebzehnte Tag: Sérignac-sur-Garonne–Langon, 89,79 km

20 Euro sind 20 Euro zu viel 

Der Tag beginnt anders als erwartet: mieses Wetter mit Aussichten, die keine Besserung versprechen. Also beschließen wir beim Frühstück in der stilecht dekorierten Halle, die Verlängerung zu stornieren und weiterzufahren.

Das Hotel macht keine Probleme, glücklicherweise ist auch Mos Wäsche schon fertig (aber leider nicht sauberer), so dass wir packen und uns kurz nach zehn auf den Weg machen können. Entlang der bereits vertrauten 
Obstplantagen kommen wir gut voran, der Wind kommt aus ebenso vertrauter Richtung und bringt eine leichte Schwüle mit. Irgendwann kommen uns zwei Eselwanderer entgegen, deren Weg wir an der unterwegs hinterlassenen Eselscheiße noch eine ganze Weile zurück verfolgen können.

Hier stehen die Pflaumen stramm, ...
... und hier die Bäume.


In Buzet-sur-Baïse drängelt sich eine alte Vettel an der Kasse vor und hat Glück, dass ich die Landessprache nicht beherrsche.

Mittwoch, 8. August 2012

25. Mai 2012, der sechzehnte Tag: Toulouse–Sérignac-sur-Garonne, 133,83 km

Was ist denn das für ein Moloch?“

Wir wiederholen das leckere Frühstück vom Vortag und verabschieden uns anschließend gefühlsduselnd und langatmig von unserer Gastgeberin. Sie gibt uns noch die grobe Richtung vor – am Fluss lang, dann der Allée de Barcelone nordwestlich folgend – und den Hinweis, dass es am Ende etwas unübersichtlich werden könnte.

Besagter Hinweis erweist sich vor Ort als durchaus berechtigt, denn wo die Allée aufhört, treffen sich praktisch alle Wasserwege der Stadt: Wir kommen entlang des Kanals von Südosten, aus östlicher Richtung schwappt der Canal du Midi heran, im Westen fließt die Garonne, und wir finden unsere Fortsetzung in Richtung Norden nicht: den Canal Latéral à la Garonne. Was die Suche erschwert, sind sechs gut befahrene städtische Straßen, eine Autobahn mit vier Auf- bzw. Ausfahrten und der Port de l'Embouchure, der alle Kanäle in seinem großen Becken auffängt.